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218 Artikel der Kategorie "Staat: USA"

Sonntag, 23. September 2007

Geschichtsstunde für SPIEGEL-Redakteure

Nur langsam dämmerte den Amerikanern, dass dieser Krieg mehr war als Vergeltung für den 11. September, sondern "in Wahrheit zur Verteidigung einer noblen Idee geführt wurde", wie es der Soldat Dwayne Luce aus Mobile erst angesichts der Massengräber erkannte.

Und jetzt stellen wir uns nur so zum Spaß vor, daß derartige Kriegspropaganda nicht aus der Feder eines neokonservativen Rüstungslobbyisten stammt, dessen Heuschreckenfonds kürzlich ein irakisches Ölfeld erworben hat, sondern von Marc Pitzke. Absurde Vorstellung, nicht?

Freitag, 21. September 2007

"Stay the course!" auf hanseatisch

Es gibt zwar bekanntlich eine Menge Gründe, den SPIEGEL zu hassen, aber doch auch ein paar ihn zu lieben. Zu letzteren gehören vor allem Autoren wie Henryk M. Broder und Claus Christian Malzahn, die das eigene Stammpublikum bei Bedarf gegen den Strich bürsten, selbst wenn sie letztlich nur als Feigenblatt dienen, um das Schüren antiamerikanischer Ressentiments durch ihren Brötchengeber vergessen zu machen.

Doch auch Gabor Steingart ist es wert, hier als eine jener Persönlichkeiten erwähnt zu werden, die die Ehre des Hamburger Nachrichtenmagazins von Zeit zu Zeit wiederherzustellen vermögen. In seinem aktuellen Artikel erinnert er uns alle daran, daß die Alliierten Berlin kaum die Freiheit hätten erhalten können, wenn sie an ihre Truppen damals dieselben Kriterien angelegt hätten, wie dies heute im Irakkrieg geschieht:

Hätte die damaligen Generäle "Benchmarks" erfüllen müssen, wären sie daran gescheitert.

[...] Hätten damals schon Blitzumfragen, Focus Groups und jene ominösen, keinem Wähler verantwortlichen Strategischen Berater das Sagen gehabt, um die Freiheit in den westlichen Sektoren Berlins wäre es nicht gut bestellt gewesen. Was heute von General Petraeus, dem Oberbefehlshaber der US-Armee in Bagdad, verlangt wird - statistisch nachweisbare Erfolge an der militärischen und der politischen Front - hätte auch der US-Oberbefehlshaber der damaligen Zeit nicht liefern können. Nach den heute in Washington gültigen Erfolgskriterien wäre es wahrscheinlich das Beste gewesen, West-Berlin feierlich an die Sowjets zu übergeben.

Gott sei Dank hießen die Vokabeln der damaligen Zeit nicht "Rückzug" und "Zeitplan", das wichtigste Wort damals hieß "Freiheit" - und nicht "Exit-Strategie".

Sein Pladoyer für den Kampf um die Freiheit des Irak krönt Steingart mit einem Hinweis auf die durchaus vorhandenen und gerade deswegen wohl auch so vehement verdrängten Parallelen zum Sieg der Alliierten über Nazideutschland. Alleine wegen der nachfolgenden Wertung des Schlußakkords der Deutschen Wehrmacht ergeht daher hiermit an alle der Lesebefehl:

[...] Allein die Ardennenoffensive Hitlers, dieses Anrennen im Auge der sich schon abzeichnenden Niederlage, war doch in Wahrheit ein einziger großer Selbstmordanschlag.

Samstag, 15. September 2007

Die Wonnen der Niederlage

Schrittweiser Rückzug aus dem Irak: US-Verteidigungsminister Gates erklärt, die Zahl der GIs in dem Land könnte bis Ende 2008 auf 100.000 sinken. Damit geht er über Zahlen von George W. Bush hinaus. Die Demokraten sehen darin einen Beweis für das Scheitern der Irak-Politik des Präsidenten.

Das muß man sich mal vorstellen: Der US-Präsident glaubt, die Truppen im Irak aufgrund der verbesserten Sicherheitslage bis Juli kommenden Jahres um 30.000 Mann reduzieren zu können. Sein Verteidigungsminister rechnet das ganze dann hoch und hält es für möglich, daß bis Ende 2008 dann noch mal dieselbe Zahl abgezogen werden kann, weil die irakische Demokratie zunehmend in der Lage ist, sich selbst zu schützen. Doch statt die Sektkorken knallen zu lassen, weil endlich der lange geforderte Rückzug eingeleitet zu werden scheint, kommt aus dem demokratischen Lager heftige Kritik.

Wenn sie wenigstens argumentieren würden, daß Bush die Lage zu optimistisch sieht und es unverantwortlich ist, die Truppen zurückzuziehen, könnte man sie ja noch verstehen, aber hier bekommt man stark den Eindruck, daß die Demokraten sauer sind, gerade WEIL der Sturz des Saddam-Regimes ein größerer Erfolg war, als ihnen innenpolitisch recht sein kann, und daß sie sich über einen Sieg ihrer Todfeinde viel mehr gefreut hätten. Vielleicht werten sie aber auch einfach nur grundsätzlich den Abzug nach abgeschlossenem Regime Change und beginnender Demokratisierung als Beweis eines Fehlschlags.

Da hat der Führer den Endsieg 1947 offenbar nur knapp verpaßt.

Dienstag, 11. September 2007

Wenn Kriegsgegner 9/11 wählen

Er war ganz Offizier und Gentleman - aber der US-Oberbefehlshaber im Irak, General Petraeus, hat die Kriegsdebatte bei seinem ersten Auftritt im Kongress nicht befriedet. In seinem Irak-Bericht plädierte er für ein andauerndes Truppenengagement, bei nur minimalem Teilabzug. Die Opposition ist enttäuscht.

Pitzke weint? Und die Cut&Run-Fraktion summt zur Begleitung mit? Na, dann kann die Lage im Irak ja sooo schlecht nicht sein.

Montag, 10. September 2007

Volkes Stimme, Doppelpack

Wer behauptet, die Europäer seien nicht antiamerikanisch, sondern hätten nur ein Problem mit dem blöden Bush, muß wohl umdenken:

Dass die Ablösung George W. Bushs als US-Präsident im Januar 2009 die Beziehungen zwischen Europa und den USA nicht deutlich verbessern wird, glauben beinahe die Hälfte aller Europäer und rund 40 Prozent der Amerikaner. Das ergibt die aktuelle Untersuchung "Transatlantic Trends 2007".

Soviel zu der Theorie, wenn erst mal die Demokraten ans Ruder kommen, wird wieder alles gut und wir haben Amerika wieder lieb.

[...] Energiesicherheit, internationaler Terrorismus und selbst der Klimawandel (85 Prozent der Europäer und 70 Prozent der Amerikaner) werden als zentrale Risiken angesehen. Dabei zeigen sich die Europäer durchaus pragmatisch in der Wahl ihrer Mittel - so ist beinahe jeder dritte Europäer bereit, auch mit undemokratisch regierten Ländern stärker zusammenzuarbeiten, solange dadurch die Energieversorgung sichergestellt wird. Nur jeder vierte Amerikaner würde dies billigen.

Das erklärt natürlich einiges, was bisher unter Schlagworten wie "Achse des Friedens" oder "kritischer Dialog" so gelaufen ist.

Dieser Pragmatismus erstreckt sich aber nicht auf den Einsatz von Soldaten. So stimmen zwar beide Seiten überein, dass Iran keine Atomwaffen erhalten sollte. Nur 18 Prozent der Europäer plädieren jedoch für militärische Maßnahmen, um dies zu verhindern (bei den Amerikanern unterstützen dies je nach Parteizugehörigkeit bis zu 65 Prozent).

Was soviel heißt wie "natürlich sind wir gegen Atombomben in Mullahhand, aber wenn sie sie sie wirklich wollen - also so richtig wirklich, daß sie auch bereit wären dafür zu kämpfen - dann sollen sie halt haben". Was darauf hindeutet, daß die Umfrage etwas unübersichtlich gestaltet war und die Betreffenden nur den Punkt "Weiß nicht/Keine Ahnung" nicht gefunden haben.

Auch zur Bekämpfung der Taliban in Afghanistan gibt es in Europa nur 30 Prozent Unterstützung für Waffeneinsatz, jedoch bei mehr als zwei Drittel der Amerikaner.

Immer diese amerikanischen Kriegstreiber! Wo doch jeder weiß, daß der Einsatz von Wattebauschwurfmaschinen denselben Zweck erfüllt.

Wie in vielen ähnlichen Umfragen in den vergangenen Jahren, wünschen sich die Europäer aber eigentlich mehr globale Verantwortung der Europäischen Union. 88 Prozent sprechen sich dafür aus. Knapp mehr als die Hälfte wollen dies auch in Abstimmung mit den Amerikanern tun. Sie schrecken jedoch vor militärischen Mitteln zurück. Nur rund 20 Prozent sind dafür, Truppen für Kampfeinsätze bereitzustellen.

Zur Frage, warum man dann nicht gleich das THW und die Feuerwehr schickt statt das Militär, konnten die europäischen Bürger sich leider nicht mehr rechtzeitig äußern, da sie über die Antwort immer noch nachdenken.

Und wo der SPIEGEL gerade im Umfragerausch war, gab es noch eine weitere, diesmal sogar gleich weltweit:

Mehr als zwei Drittel von Menschen auf der Welt wollen einer BBC-Umfrage zufolge einen Abzug der US-Truppen aus dem Irak. Nur rund ein Viertel der Befragten ist demnach für ein Verbleiben der Soldaten.

[...] Für die vom BBC World Service veröffentlichte Studie waren 23.000 Menschen in 22 Ländern befragt worden.

Na, die müssen's ja wissen. Vielleicht sollten sie lieber mal die Iraker fragen. Oder die 23.000 Menschen aus ihren 22 Ländern in den Irak ausfliegen und dann die Frage noch einmal stellen.

Freitag, 07. September 2007

Erboste Fans erklären Apple den iWar

Und Steve Jobs erklärt uns, wie man ein an sich tolles und ergonomisch vielversprechendes Produkt, nachdem man es zunächst durch eine gewisse Verweigerungshaltung gegenüber dem technologischen Fortschritt bei der Miniaturisierung von Kameras und der Entwicklung mobiler Datenübertragung unnötig entwertet hatte, durch einen völlig falschen Marketingansatz endgültig zur Notlandung zwingt, und das, bevor es überhaupt richtig abgehoben hat:

Steve Jobs hat anscheinend wenig Mitgefühl für seine treuesten Fans übrig. Die Zeitung "USA Today" fragte den Firmenchef, was er denn Kunden sage, die eben ein iPhone für 599 Dollar erworben hätten, "sorry?". Jobs Antwort: "Das ist eben Technologie. Wenn sie es heute morgen gekauft haben, solllten sie dorthin zurückgehen, wo sie es gekauft haben und mit den Leuten dort reden. Wenn sie es vor einem Monat gekauft haben, tja, das passiert eben mit Technologie."

Falsch, lieber Steve, das passiert nicht bei Neueinsteigern in einen Markt, in dem es mit Firmen wie HTC, Nokia, Samsung und Sony Ericsson von Platzhirschen nur so wimmelt und die zusammen mit Firmen wie Motorola oder LG den Markt absolut beherrschen. Zumindest sollte es das nicht. Wer neu rein will, wo andere die Standards setzen, sollte, bis er eine gewisse Basis hat, nämlich nicht gerade der teuerste sein. Wenn das jemand wissen sollte, dann ja wohl Du, Steve, meinst Du nicht? Wäre das anders, säße ich jetzt kaum an einem Windows-Rechner.

Dabei geht es gar nicht mal um den Anschaffungspreis des iPhone, der ist entgegen der weitverbreiteten Kritik gar nicht mal so extrem hoch, wenn man ihn mit dem vergleichbarer Top-Produkte der Konkurrenz vergleicht. Aber die mit dem Erwerb verbundenen Knebelverträge an ausgesuchte Monopolpartner sind in Ländern, wo Handys immer noch über Subventionen verkauft und nicht noch künstlich teuerer gemacht werden, genauso gut wie ein Aufkleber, auf dem steht "Vorsicht, radioaktiv verseuchte Robbenbabyhautverkleidung!"

Da werde ich, obwohl ich durchaus ernsthaft mit dem Gedanken gespielt hatte, mir eines Tages selber eins zuzulegen, wohl doch noch mal über Alternativen nachdenken müssen...

Donnerstag, 06. September 2007

Selbstversenkung nahe der Nordsee

Nachricht A von heute:

US-Abschiebepraxis: "Ich würde lieber nach Guantanamo zurück"

Sie glaubten, nach fünf Jahren in Guantanamo bald wieder freie Menschen zu sein. Doch es kam anders: Zwei Tunesier, die kürzlich aus dem berüchtigten US-Lager abgeschoben wurden, sitzen jetzt plötzlich in ihrer Heimat in Haft - und werden dort Menschenrechtlern zufolge misshandelt.

Diese Amis aber auch! Fliegen entlassene Guantanamo-Häftlinge einfach in Ihre Heimatländer aus, obwohl ihnen dort Gefahr für Leib und Leben droht.

---

Nachricht B von vor 2 Jahren:

Internierung: USA halten 15 Chinesen weiter in Guantanamo fest

Schon vor zwei Jahren hatte das Pentagon ihre Freilassung gebilligt - trotzdem werden 15 Muslime aus China weiter auf dem US-Stützpunkt Guantanamo festgehalten, so ein amerikanischer Zeitungsbericht.

Diese Amis aber auch! Fliegen entlassene Guantanamo-Häftlinge nicht in Ihre Heimatländer aus, nur weil ihnen dort Gefahr für Leib und Leben droht.

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Und jetzt das Ratespiel: Wie heißen wohl die beiden Zeitschriften, deren Online-Ausgaben hier mit einer diametral entgegengesetzten Argumentation antiamerikanische Ressentiments bedienen? Aber nicht mogeln! Auch wenn die Antwort zugegeben wirklich verblüffend ist.

Lösung A     Lösung B

Freitag, 31. August 2007

Dissident im Weißen Haus

By the time he arrived in Prague in June for a democracy conference, President Bush was frustrated. He had committed his presidency to working toward the goal of "ending tyranny in our world," yet the march of freedom seemed stalled. Just as aggravating was the sense that his own government was not committed to his vision.

As he sat down with opposition leaders from authoritarian societies around the world, he gave voice to his exasperation. "You're not the only dissident," Bush told Saad Eddin Ibrahim, a leader in the resistance to Egyptian President Hosni Mubarak. "I too am a dissident in Washington. Bureaucracy in the United States does not help change. It seems that Mubarak succeeded in brainwashing them."

Dies ist zweifellos einer der besten und spannendsten Artikel, die je zu den Hintergründen der Außenpolitik der amtierenden US-Regierung geschrieben wurde. Davon auszugsweise zu zitieren ist im Prinzip völlig sinnlos, weil man dann etwas weglassen müßte, und das geht hier wirklich nicht. Wer dieses absolut essentielle "must read" nicht gelesen hat, kann nicht mitreden, und wer es getan hat, sieht einiges in der jüngsten Entwicklung in ganz anderem Licht.

Denn der Autor beschreibt nicht nur sehr gut die Verzahnung amerikanischer Demokratisierungsambitionen mit der tatsächlichen Entwicklung der Ereignisse, sondern er nennt auch Roß und Reiter, wenn es darum geht festzuhalten, wer den idealistischen Visionen der NeoCons den ganzen Sand ins Getriebe gestreut hat (vor allem das State Department hat das Zeug offenbar säckeweise angeschleppt, aber auch Bushs eigene Parteifreunde haben sich nicht mit Ruhm bekleckert).

Obwohl der Autor nicht mit Kritik am Präsidenten spart, macht er deutlich, daß Bush nach seiner wundersamen Wandlung vom konservativen Traditionalisten zum Anführer der revolutionären Weltbefreiungsfront trotz aller Kompromisse sehr viel für die Verankerung dieser so neuen wie überfälligen Prinzipien in der Außenpolitik getan hat, und zwar selbst dann, wenn er mit seiner Doktrin der globalen Demokratisierung am Ende doch noch als tragischer Held scheitern sollte.

Alleine dafür aber, es wenigstens versucht zu haben, muß man den oft als "Dumbya" verlachten George Walker Bush als einen der großartigsten Präsidenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten betrachten, und ihn mit George Washington und Abraham Licoln auf eine Stufe stellen. Selbst geachtete Vorgänger wie die beiden Roosevelts, John F. Kennedy oder Ronald Reagan verblassen dahinter. Wer dies anders sieht, möge dies jetzt sagen oder aber für immer schweigen.

Mittwoch, 29. August 2007

America don't worry! Israel is behind you

Glaubt man dem SPIEGEL, dann gibt das neue Buch von John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt diesem zeitlosen 80er-Jahre-Klassiker eine ganz neue Bedeutung, und zwar nicht nur, weil das abgebildete Flugzeug tatsächlich aus amerikanischen Rüstungslieferungen stammt.

Keiner der Newcomer aber verfiel auf so kühne Thesen über Amerikas Außenpolitik in Vergangenheit und Gegenwart wie ausgerechnet jener Oldie, der nach zwei Amtszeiten nun nichts mehr werden kann: George W. Bush. An dem Tag, an dem bei einem Hubschrauberabsturz im Irak 14 GIs starben - einer der höchsten Tagesverluste im ganzen leidigen Krieg -, beschwor er die Erinnerung an einen anderen Hubschrauber: den, der 1975 vom Dach der US-Botschaft in Saigon die letzten Verbündeten aus einem verlorenen Krieg ausflog.

Daran ist höchstens kühn, daß die Wahrheit nicht immer und derzeit ganz besonders wenig populär ist und daß der, der sie ausspricht, sich damit keinen Gefallen tut. Umso beeindruckender ist es, wenn ein Politiker sich dann trotzdem traut.

Auch damals, so Bushs Lesart der Geschichte, hätte es geheißen, ohne Amerikas Präsenz am Kriegsschauplatz nähme das Töten ein Ende. In Wahrheit sei der Abzug der Auftakt für ein unvorstellbar großes Massaker gewesen: in Kambodscha, im vom Norden eroberten Südvietnam und unter jenen Hunderttausenden Flüchtlingen, die ihr Heil in seeuntüchtigen Booten suchten. "Der Preis für Amerikas Abzug", so Bush als Warnung, diesen Fehler nun nicht im Irak zu wiederholen, "wurde von Millionen unschuldiger Bürger bezahlt."

Es ist schon ein bißchen gruselig, daß es bald 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus immer noch Leute zu geben scheint, die das anders sehen.

Nach qualvollen Jahren der Aufarbeitung des Vietnam-Kriegs sind sich eigentlich die meisten Amerikaner darüber einig, dass ihre Soldaten damals in Südostasien nichts zu suchen hatten.

Womit sie sich irren. Sie haben nur das falsche gesucht, nämlich die Stabilität der Unterdrückung statt des Fortschritts durch Freiheit. Damals gab es keine NeoCons, sondern nur kurzsichtige Realpolitiker. Wäre das Ziel damals schon nicht die Rettung einer Diktatur, sondern die Errichtung einer Demokratie gewesen, wäre die Sache sicherlich auch etwas anders ausgegangen. Und wir wären heute im Weltbefreiungskrieg schon wesentlich weiter.

Quer über das gesamte ideologische Spektrum gilt eine Rechtfertigung für das Indochina-Desaster als politischer Selbstmord.

Leute, glaubt mehr Unsinn! Millionen Ideologen können nicht irren.

Bushs Rechnung, mit dem Hinweis auf Vietnam den Abzug aus dem Irak aufzuhalten, kann deshalb nur dann aufgehen, wenn er seine Landsleute auch noch von der Wahrheit eines Satzes überzeugen kann, den er ebenfalls den jubelnden Veteranen vortrug. Die US-Truppen, sagte Bush, seien noch immer "die größte Macht zur Befreiung des Menschen, welche die Welt jemals gekannt hat".

Und damit hat er zweifellos recht, der gute George. Es steht aber jedem, der es wagt, Bush in dieser Bewertung zu widersprechen, selbstverständlich frei, der Welt mitzuteilen, welche Macht unterm Strich denn angeblich mehr Menschen befreit bzw. ihre Freiheit geschützt hat als die USA und ihre Streitkräfte, und Bush's Aussage so zu falsifizieren.

Da war es wieder, das Argument, die Streitkräfte seien Missionare der Demokratie. Die große neokonservative Idee feierte unverhoffte Wiederauferstehung, wonach es keine Sicherheit für die USA ohne Frieden im Nahen Osten geben könne und keine Stabilität ohne Demokratien in der Region und der Weg nach Jerusalem deshalb über Bagdad führen müsse.

Diese große Idee ist zweifellos einer der größten Schritte in der geistigen Entwicklung der Menschheit, vergleichbar nur mit der amerikanischen Revolution von 1776 oder der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948. Und es ist ein Armutszeugnis für besagte Menschheit, daß sie zu dieser eigentlich ziemlich logischen Erkenntnis so lange gebraucht hat. Es ist allerdings ein noch größeres Armutszeugnis für jene, die ihr, nachdem selbst diese Menschheit es endlich geschafft hat, immer noch zu widersprechen wagen.

Auf dem Höhepunkt ihres Einflusses war diese Dominotheorie zur Regierungsdoktrin erhoben worden. Vor dem Kapitol gelobte Bush feierlich zu Beginn seiner zweiten Amtszeit im Januar 2005: "Es ist die Politik der Vereinigten Staaten, demokratische Bewegungen und Institutionen in jedem Land und in jeder Kultur zu suchen und ihre Entwicklung zu fördern mit dem Endziel, die Tyrannei in der Welt zu beenden."

Was immer er ansonsten verbockt haben mag, aber alleine damit hat er einen Platz unter den größten Denkern der Geschichte verdient.

Doch als Bush sein "In Tyrannos" ablegte, stand das Projekt schon vor dem Scheitern. Amerikas Soldaten waren im Irak nicht als Befreier umjubelt worden, sie verstrickten sich immer heftiger in den Kampf gegen einen hartnäckigen Aufstand.

Mal ganz unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Aussage, erschreckt es doch ein wenig, daß es offenbar Leute gibt, die sich nicht fragen, wer denn alles so an diesem "Aufstand" beteiligt ist. Die Frauen etwa? Die Kinder? Die Iraker die in Freiheit leben wollen? Oder in Wohlstand? Und in Frieden? Oder sind es nicht doch eher die Anhänger totalitärer Ideologien vom Stalinismus über den Faschismus bis hin zum Islamismus? Ist die Tatsache, daß letztere ihren Aufstand für das Recht führen, erstere in Ruhe unterdrücken zu können, tatsächlich etwas, was dagegen spricht, sie zu bekämpfen? Oder nicht doch viel mehr ein Grund für ein nur umso engagierteres Vorgehen in diesem Kampf?

[...] Unter anderem versuchen zwei Autoren nachzuweisen, dass es einer kleinen Gruppe überwiegend jüdischer Intellektueller und Mitglieder der Regierung gelungen sei, Amerika in diesen Krieg hineinzutreiben, weil ihnen das Schicksal Israels - mindestens - ebenso sehr am Herzen liege wie das ihres Vaterlands.

Aber nicht daß jetzt jemand "Antisemitismus" ruft, nur weil hier hervorgehoben wird, daß es sich überwiegend um jüdische Intellektuelle handelt.

[...] Ihre Kernthese lautet: Der Israel-Lobby sei es gelungen, "die Außenpolitik so weit von dem abzubringen, was die Rücksicht auf das nationale Interesse eigentlich diktieren würde, und gleichzeitig viele Amerikaner davon zu überzeugen, dass das amerikanische und das Interesse des anderen Landes - in diesem Fall Israel - im Wesentlichen identisch ist".

Die Identität der Interessen aber bestreiten die beiden Autoren, und damit ist ihr Buch ein Politikum.

Deswegen ist ihr Buch vor allem mal totaler Bullshit. Denn wer die gemeinsamen Interessen der vom islamistischen Terror bedrohten Demokratie USA mit der vom islamistischen Terror bedrohten Demokratie Israel nicht erkennen kann, und statt dessen mehr Gemeinsamkeiten mit den diesen Terror durchführenden Diktaturen der arabisch-islamischen Welt erkennt, hat offenbar gehörig einen an der Waffel.

Das heißt natürlich nicht, daß diese Interessen im Einzelfall nicht auch mal voneinander abweichen können (z.B. wenn es um fragwürdige amerikanische Rüstungslieferungen an Israel feindlich gesonnene Terrorregime wie Saudi-Arabien geht oder dem israelischen Verkauf US-finanzierter HighTech-Rüstung an potentielle Gegner Amerikas wie China), aber in der Regel ist gut für Amerika was gut ist für Israel (und umgekehrt!). Diese beiden Staaten sollen froh sein, im jeweils anderen den besten Verbündeten zu haben, den man sich wünschen kann.

[...] Dass etwa der Irak-Krieg auch etwas damit zu tun hat, dass sich in Washington zeitweilig die Hoffnung durchgesetzt hatte, den Kernkonflikt des Nahen Ostens durch den Versuch zu umgehen, in den Staaten der Region eine demokratische Modernisierung voranzutreiben, wird niemand mehr bestreiten.

Wär ja auch schlimm! Ist schließlich ein sehr vernünftiger Ansatz. Wenn ich's nicht besser wüßte, würde ich sagen, sie haben ihn geklaut. Und zwar von mir.

Auch nicht die These der beiden Politologen, wonach Amerikas Kriegsbefürworter den Sturz Saddams als Verbesserung der strategischen Position Israels und Amerikas ansahen und darauf hofften, dass beide Vorteile aus der regionalen Modernisierung ziehen würden.

Das erklärt endlich auch schlüssig, warum die USA den Europäern jahrzehntelang durch die NATO gegen die sowjetische Bedrohung geholfen haben. Es waren gar nicht wie oft fälschlicherweise vermutet gemeinsame Werte und Sicherheitsinteressen, sondern die in die Schaltstellen amerikanischer Macht eingeschleusten europäischen Intellektuellen, die durch ihre Kaperung der US-Außenpolitik die Vereinigten Staaten in einen den eigenen Interessen zuwiderlaufenden sinnlosen Konflikt mit ihren wahren Freunden Stalin, Chruschtschow und Breschnew gedrängt haben.

Dass Saddam keine wirkliche Bedrohung für Amerika darstellte, wohl aber für Israel, ist eine Tatsache, die selbst Mitglieder der Bush-Regierung zugegeben haben, wenn auch nur sehr selten in aller Öffentlichkeit.

In der Bush-Regierung, vor allem im State Department, tummelt sich so einiges, das kaum als Gute-Ideen-Reaktor taugt. Daß der Sturz Saddam Husseins, dessen bloße Existenz in der arabischen Welt als Verhöhnung Amerikas wahrgenommen wurde, und so schon aus ganz niederen realpolitischen Gründen wie der Wiederherstellung amerikanischer Abschreckungsfähigkeit gegenüber Schurkenstaaten hätte durchgeführt werden müssen, wird von den Autoren im übrigen geflissentlich ignoriert. Für die Realpolitik zu trommeln heißt offenbar nicht, sie auch verstanden zu haben.

[...] Dass sich Washington entschieden hat, die Gegner Irans aufzurüsten, darunter auch so zweifelhafte Diktaturen wie Saudi-Arabien, ist ein - häufig kontraproduktives - Mittel aus dem Arsenal traditioneller Außenpolitik, auf jeden Fall aber eine Todsünde wider den Geist neokonservativer Demokratielehre.

Diese Kritik ist zweifellos berechtigt. Man fragt sich nur, wieso jene, die die neokonservative Demokratisierungsstrategie so vehement ablehnen, bei der Bekanntgabe dieses bedauerlichen Kurswechsels die nötige Begeisterung für die Rückkehr Bushs auf den rechten Weg irgendwie haben vermissen lassen. Da scheinen die Anhänger der Realpolitik ihren eigenen Ideen ja nicht sonderlich weit zu trauen. Sonst hätte im SPIEGEL etwas stehen können wie "Na endlich, Dubya! Jetzt bist Du einer von uns!"

Ob deswegen Israel mehr oder weniger die gesamte Außenpolitik der USA in "strategische Haftung" genommen hat, wie die Autoren behaupten, ist allerdings eine ganz andere Frage. Die Isolation der Vereinigten Staaten in der muslimischen Welt ist für die Autoren auch eine Folge der bedingungslosen Unterstützung Israels.

Klar, wenn die Amerikaner den muslimischen Fanatikern helfen würden, Haifa heim ins Reich zu holen, gäbe das dort sicherlich Pluspunkte. Und was kümmern einen echten Realpolitiker schon Begriffe wie Recht und Moral. Das ist was für Weicheier. Angesichts solch eines erfrischend realistischen Ansatzes sind wir schon ganz auf das nächste Buch von Mearsheimer/Walt gespannt, in welchem sie uns darlegen, welch große Ziele die USA hätten erreichen können, wenn sie sich nur mit dem aufstrebenden Nazideutschland statt dem sterbenden Empire verbündet hätten. Der Titel steht schon fest: "The world is not enough".

Das ist, selbstverständlich, vermintes Terrain. Natürlich hüten Mearsheimer und Walt sich, die Terroranschläge vom 11. September 2001 mit der Washingtoner Israel-Politik zu begründen.

Keine Sorge, das erledigen dann schon die Verschwörungstheoretiker, die sicherlich die richtigen Schlüsse aus dieser Steilvorlage ziehen werden.

Ganz deutlich aber schreiben sie, dass der Einfluss der Lobby "die terroristische Gefahr vergrößert". Die USA hätten genau deshalb ein Terrorismusproblem, "weil sie so eng mit Israel alliiert sind". Die Angst, dass eines nicht fernen Tages die amerikanische Öffentlichkeit deshalb die Schuld am islamischen Terror Israel oder den Interessenvertretern amerikanischer Juden geben könnte, macht erklärlich, warum das Echo auf dieses Buch so alarmistisch ausfällt.

Mit genau dieser "Logik" erklären auch die Rechtsradikalen immer wieder gerne, daß die Juden durch ihr eigenes Fehlverhalten den Antisemitismus ja erst hervorrufen, unter dem sie dann zu leiden haben. Man muß also nur Israel aufgeben, und schon hat jeder wieder die Juden lieb. Interessant zu erfahren, daß derart kranke Ideen jetzt offenbar auch Einzug in die Mainstreammedien halten.

[...] Dass George W. Bush deshalb in den verbleibenden Monaten seiner Amtszeit noch mit der Hamas reden oder, wie von vielen Gegnern gefordert, einen möglichst vollständigen Truppenabzug aus dem Irak anordnen könnte, ist kaum zu erwarten. Auch nicht, dass irgendeiner seiner Nachfolger die enge Bindung an Israel lockern wird.

Das wär ja auch noch mal schöner!

Vorstellbar ist aber auch nicht mehr, dass der nächste US-Präsident noch einmal einem israelischen Regierungschef Carte blanche geben könnte, wie Bush es für Ariel Scharon und Ehud Olmert getan hat. Wenig wahrscheinlich auch, dass es den Neocons noch einmal gestattet sein könnte, die amerikanische Nahost-Politik zu kidnappen.

Auch das hat Bush im Irak bewerkstelligt.

Und jetzt die Preisfrage: Wäre es besser, den Irakkrieg nicht geführt zu haben, damit man Israel mal so richtig unterstützen kann? Oder sollte man Bush statt dessen dafür danken, daß er diesen jüdischen Unruhestiftern endlich den Stecker rausgezogen hat? Wahrscheinlich Antwort drei: Da hat mal wieder jemand so richtig schön dummgeschwätzt.

Dienstag, 28. August 2007

Autobahn ins Massengrab

Bei der FDOG erschien vorgestern ein Gastbeitrag des South Park Republican, der darin den Anhängern der "Unterm Saddam war alles besser"-Fraktion noch einmal den verwirrten Kopf zurechtrückt. Und dabei geht er mit den Kritikern der Befreiung des Irak noch viel zu nett um.

Denn rechnet man all die völlig unnötigen Sanktionstoten hinzu, die ja nicht starben, weil der Westen keine Medikamente und Lebensmittel geliefert hätte, sondern weil Saddam seine eigenen Leute ganz bewußt zu Propagandazwecken krepieren ließ, sowie die Toten des von ihm vom Zaun gebrochenen Krieges gegen den Iran, dann liegt die Zahl der Opfer seines Regimes je nach Schätzung eher im Bereich von zwei bis drei Millionen, wenn nicht höher.

Gleichzeitig darf man nicht vergessen, daß für die zivilen Opfer im Irak nur in Ausnahmefällen US- oder irakische Regierungstruppen verantwortlich sind, sondern vor allem jene, gegen die sie ja gerade unter Einsatz ihres Lebens kämpfen, und daß diese Opfer somit auch noch dem Konto des früheren Regimes bzw. jenen des Iran, Syriens und all der anderen Diktaturen, die die diversen Terrorbanden und Milizen unterstützen, hinzugefügt werden müssen.

Solange also die sogenannten Kriegsgegner de facto nichts anderes als menschenverachtende Terrorrelativierer sind, die diese Tatsachen nicht in ihrer schwachsinnigen Propaganda berücksichtigen, wissen wir auch was von ihren Behauptungen zu halten ist: Nämlich nichts.

Und jetzt die Werbung...

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