Die Zeit
Josef Joffes meist sehr gute Kommentare zur internationalen Politik waren bisher eigentlich einer der besten Gründe, sich die ZEIT für die Lektüre derselben zu nehmen. Seine Artikel schätze ich wie wenige andere in diesem ohnehin schon lesenswerten Blatt. Doch wie es scheint, ist die derzeit grassierende Fukuyamaitis für kluge Köpfe offenbar genauso ansteckend wie H5N1 für Geflügel. Diese Krankheit befällt vorzugsweise frühere Unterstützer des Irakkriegs, und zwar üblicherweise im Moment ihrer überraschenden Erkenntnis, daß die Islamofaschisten sich doch tatsächlich erbittert gegen die Niederlage zu wehren versuchen, statt sie einfach klaglos hinzunehmen. Jetzt also Josef Joffe. Schade, wirklich schade.
Als die Amerikaner Bagdad besetzten, muss in Teheran ein inbrünstiges »Gott ist groß« gen Himmel gestiegen sein: »Allah sei Dank, dass er den Großen Satan mit Blindheit geschlagen hat. Amrikah hat unseren schlimmsten Feind besiegt. Es hat unsere schiitischen Brüder vom sunnitischen Joch befreit und zur stärksten Kraft im Irak gemacht. Und es hat sich in einen Krieg verstrickt, den wir nach Bedarf manipulieren können.«
Nein, nein, diese Falschinformation beruht auf einem kleinen Übersetzungsfehler. Das hieß nämlich nicht "Gott ist groß!", sondern "Ach Du Scheiße!". Eine Demokratie vor der eigenen Haustür, die den Beweis erbringt, daß auch Schiiten gerne in Frieden und Freiheit leben, wäre schließlich eine weit größere Bedrohung für die eigene Schreckensherrschaft als noch so viele Marschflugkörper. Aber selbst wenn es wider Erwarten gelingen sollte, schiitische Araber dazu zu bewegen, den Wasserträger für die verhaßten Perser zu machen und einen Bürgerkrieg zu entfachen, so daß die Amerikaner die Lust am "nation building" verlieren, dann wären die im Irak stationierten US-Truppen gleichzeitig wieder für ihre Hauptaufgabe "regime change" frei. Und diesmal ohne Rücksicht auf irgendwelche "hearts and minds" nehmen zu müssen. Ob das aus Sicht der Mullahbande so clever wäre, lassen wir mal dahingestellt.
Genau so ist es. Irans strategische Position ist heute besser als je zuvor. Das hat als Erste die EU gespürt, als sie nach drei Jahren vergeblicher Atom-Gespräche die lange Nase gezeigt bekam.
Die strategische Position des Iran ist nur so gut, wie es der Westen zuläßt. Der Größenwahn der Ayatollahs und ihres Exekutors Achmadinedschad, die allen Ernstes glauben, als Speerspitze des schiitischen Islam einen Weltkrieg gegen den gesamten Westen anzetteln und sogar gewinnen zu können, trägt den Keim der Niederlage bereits in sich. Mit solch wahnwitzigen Plänen sind schon ganz andere gescheitert. Selbst das friedliebende Europa würde, wenn es zur Abwechslung mal ums eigene Überleben und nicht das irgendwelcher Amerikaner oder Juden ginge, von der verständnisvollen, philoislamischen Selbstverleugnung auf längst vergessen geglaubte archaische Vergeltungsmuster zurückgreifen. Präsident Chiracs atomare Vernichtungsphantasien haben uns bereits einen kleinen Vorgeschmack darauf gegeben, in welche beängstigende Richtung das im Ernstfall laufen könnte. Und ob der 12. Imam die strategische Position Teherans noch rausreißen kann, wenn sich da nur noch ein großer Krater mit einer französischen Flagge drauf befindet, darf bezweifelt werden.
Das spürt jetzt Amerika, das wohlweislich auf Militärschläge gegen Teheran verzichtet. Die iranische Bombe ist nur eine Frage der Zeit (obwohl der Weg bis zur Uran-Anreicherung noch weit ist).
Ob Amerika darauf verzichtet ist noch lange nicht raus. Ob diese Annahme ein Irrtum war, wissen wir naturgemäß erst hinterher. Angesichts der derzeitigen Entwicklung würde ich aber dringend davon abraten, irgendwelche Immobilien in der Nähe iranischer Atomanlagen und Flugabwehrstellungen zu erwerben. Im übrigen ist die iranische Bombe keine Frage der Zeit. Um Ralph Giordano zu zitieren: "Der Staat der Juden, Israel, wird die Bombe in den Händen der Mullahs niemals hinnehmen." Punkt. Oder glaubt irgendjemand allen Ernstes, daß die israelische Regierung so verantwortungslos ist und russisch Roulette mit 4 Kugeln in der Trommel spielt, indem sie die physische Existenz des eigenen Staaates davon abhängig macht, daß Achmadinedschad nur einen etwas eigenwilligen Sinn für Humor hat und alles nur Spaß war? Deswegen sollten wir uns da nichts vormachen: Wer den Mullahs die Bombe zugesteht, erhöht nicht nur die Wahrscheinlichkeit eines Krieges im Mittleren Ostens, er erzwingt ihn geradezu, auch wenn er den Krieg eigentlich verhindern will.
Wie konnte es geschehen, dass die beiden größten Machtblöcke der Welt – USA und EU – heute so hilflos vor dieser Herausforderung stehen?
So hilflos sind sie gar nicht. Die Europäer müssen nur halt wieder lernen, daß das Zeitalter des ewigen Friedens da draußen in der realen Welt außerhalb ihrer Käseglocke noch nicht angebrochen ist und daß es Hilfe auch in der Sicherheits- und Außenpolitik nicht zum Nulltarif gibt. Die Amerikaner hingegen müssen lernen, daß sie, bis die Europäer das gelernt haben, auf sich allein gestellt sind und ansonsten nur hoffen können, im Notfall schnell noch eine Koalition der Willigen zusammentrommeln zu können.
Welche Lehren müssen Amerika und seine Partner aus einem strategischen Fiasko ziehen, das die Welt noch lange verdunkeln wird? Die Antwort beginnt beim Fall der Berliner Mauer, als Diktaturen stürzten und die Demokratie ihren vorbestimmten Siegeszug anzutreten schien. Die westliche Außenpolitik sah nun ihre vornehmste Aufgabe in der Geburtshilfe für die Demokratie und ihrer Pflege.
Das wäre zu schön, um wahr zu sein. De facto war es aber leider eher so, daß die Bevölkerung der osteuropäischen Staaten ihre kampfesmüden Gerontokraten ganz alleine abgeschüttelt hat, während die westeuropäischen Brüder staunend, mitunter sogar fast ablehnend danebengestanden haben. Nicht mal danach hat der Westen die Konsequenzen aus seiner verfehlten Anbiederung an die realsozialistischen Machthaber gezogen und eine schlüssige Demokratisierungsstrategie zur Maxime seiner Außenpolitik gemacht. Selbst in den USA bedurfte es erst eines 11. September, bevor man endlich mal auf die NeoCons gehört hat, die dies ja nicht erst seit gestern propagiert haben.
Wo regime change aber ausblieb, so George W. Bush, durfte auch mit Gewalt nachgeholfen werden.
Wo er recht hat, hat er recht, der gute George. Und wenn die Europäer ihm helfen würden statt ihm in die Arme zu fallen, ginge es damit auch ein wenig schneller voran.
Immanuel Kant war plötzlich zum Chefberater im Weißen Haus avanciert, hatte der doch die Theorie begründet, wonach Demokratien grundsätzlich friedfertig seien. Frieden global durch Demokratie total, lautete nun das Prinzip.
Das trifft es ganz hervorragend. Und das war nicht nur überfällig, es ist gleichzeitig die vielleicht großartigste und wichtigste Neuerung der internationalen Politik seit der Erfindung der Konfliktprävention durch das Verheiraten der eigenen Prinzen mit Prinzessinen verfeindeter Staaten. Dagegen wirken alle anderen Konzepte günstigstenfalls wie ein nutzloses Herumgedoktere an den Symptomen, oft aber sogar wie blanker und skrupelloser Zynismus. Den NeoCons gebührt das historische Verdienst, diese liebenswerte, aber nicht per se populäre Strategie aus der belächelten Mutter-Teresa-Ecke geholt und mit nationaler Interessenpolitik in Einklang gebracht zu haben, was ihr überhaupt erst die für eine Demokratie nötige Mehrheitsfähigkeit verschafft hat. Also etwas mehr Respekt, bitte!
Und es verblassten die klassischen Fragen der Außenpolitik wie die nach dem Kräftegleichgewicht und der Staatsräson.
Das wurde aber auch Zeit! In früheren Jahren, als auf allen Seiten Despoten und Tyrannen herrschten, die ihre Untertanen nach Belieben aufeinander hetzen durften, mag das mit dem Gleichgewicht ja eine nützliche Erfindung gewesen sein, aber im Konflikt zwischen Demokratien und Diktaturen kann es keine Äquidistanz geben. Wir sollten uns wünschen und müßten alles dafür tun, das erstere letzteren immer und für alle Zeiten so weit wie möglich überlegen sein werden (und die Chancen stehen nicht unbedingt gut, daß uns das auch tatsächlich gelingt). Sich ein Gleichgewicht zu wünschen, wenn man nicht der Schwächere ist, ist ja ohnehin schon unverantwortlicher Leichtsinn. Wenn aber auf der Gegenseite Irre regieren, die sich als Lohn für den Atomtod heiße Nächte mit 72 willigen Gespielinnen erhoffen, ist eine derartige Steigerung des Gleichgewichtssinns eher ein Symptom für akute Suizidgefährdung.
Was man hinsichtlich der Gleichgewichtsstrategie zudem nicht vergessen darf, ist daß sie, wenn es dann doch mal schiefging, meist umso blutiger endete. Ein Krieg zwischen zwei gleich starken Mächten kostet auf beiden Seiten nämlich weit mehr Menschenleben als einer zwischen einer absolut überlegenen und einer absolut unterlegenen Macht. Man muß nicht mal bis zum I. Weltkrieg zurückgehen, der ja das klassische Beispiel für die Katastrophe ist, die folgt, wenn ein Gleichgewicht nicht mehr als solches wahrgenommen wird. Auch der zeitgenössische Irak illustriert das ganz hervorragend, weil schon ein flüchtiger Vergleich zwischen der totalen Niederlage gegen die US-Armee nach nur 3 Wochen und dem völlig schwachsinnigen und trotzdem 8 Jahre währenden ergebnislosen Gemetzel gegen den Iran den Traum vom Gleichgewicht nur noch als absoluten Albtraum erscheinen läßt.
Man darf es auch brutaler ausdrücken: Als Bush auf Saddam Hussein losging, traf er den falschen Gegner.
Ganz gewiß nicht. Das war mit Sicherheit nicht der Falsche, wenn auch natürlich nicht der einzige, auf den dieses Kriterium zutrifft. Aber im Prinzip hätte es gereicht, einen Dartpfeil auf eine Landkarte der Golfregion zu werfen, und da zuzuschlagen, wo er landet. Getroffen hätte es in jedem Fall den Richtigen. Im übrigen heißt es sich, was den Iran angeht, in Geduld zu üben. Was nicht ist, kann ja noch werden.
Saddam war zwar eine furchtbare Gestalt, ein Menschenschinder und Massenmörder, aber eine Bedrohung für Amerika war er nicht.
Aber eben für seine eigene Bevölkerung. Das muß reichen. Und ich ziehe den Hut, den ich nicht trage, vor all den Angehörigen der Koalitionstruppen, die ihr Leben für Menschen riskieren, die man früher ihrem Schicksal überlassen hätte, nur weil sie weit, weit weg, in einem fernen Land leben. Das ist ein zivilisatorischer Fortschritt, der gewürdigt, nicht in den Dreck gezogen werden sollte.
»We have him in a box«, pflegte Madeleine Albright, Clintons Außenministerin, zu dozieren – »der ist überall eingekastelt«.
Das wäre ja auch schön gewesen. Aber leider war er da nicht alleine, in seiner Kiste. Mit ihm saßen da hunderttausende, ja vielleicht Millionen von Menschen, die zwar nicht so medienwirksam, aber deswegen auf nicht minder grauenvolle Weise gestorben sind. Sie mögen vielleicht eine andere Sprache sprechen als wir und an einen anderen Gott glauben, aber der Teil der Menschheit, der in Freiheit lebt, ist verdammt noch mal verpflichtet ihnen zu helfen, anstatt darüber zu dozieren, daß wir ja zum Glück nicht betroffen sind. Wenn man diese Menschen da erst mal rausgeholt hat, dann kann Saddam gerne in seiner Kiste bleiben. Und wer weiß, vielleicht findet sich ja sogar noch eine passendere. Sagen wir mit den Maßen 200x60x60.
Amerikas – auch Europas – Interessen waren vielmehr von Iran bedroht, das nach der Bombe griff, zwischen Beirut und Gaza den Terror alimentierte, Öl und Religion zum potenten Machtinstrument verschmolz.
Selbst wenn dem so wäre - was man hinreichend bestreiten könnte, da der Iran damals von der Bombe noch drei Jahre weiter weg war als jetzt - ist es trotzdem manchmal sinnvoller, ein Ziel indirekt anzugreifen. Ein Krieg gegen den Iran wäre, gerade wenn man kein Aufmarschgebiet an der Grenze hat, noch ein wenig komplexer und als Drohung somit unglaubwürdiger, was gerade, wenn man die Drohung nicht wahrmachen möchte, kein sonderlich intelligenter Schachzug wäre. Auch besteht jetzt die Möglichkeit, durch die bloße Existenz eines demokratischen Irak das Regime in Teheran zu destabilisieren, ohne auch nur einen Schuß in Richtung Iran abfeuern zu müssen. Und das wäre im Sinne (fast) aller Beteiligten.
Heute ist der Irak zum Hobbesschen Albtraum verkommen – zum Krieg aller gegen alle.
Nanana, wir wollen mal nicht übertreiben! Nicht alles, was ZEIT-Kollege Ulrich Ladurner so von sich gibt, muß deswegen gleich wahr sein. Es gibt auch Fakten über den Irak, die sich vielleicht nicht so gut verkaufen lassen, aber durchaus hoffnungsvoll stimmen. Was die Iraker aus der Chance, die erste Demokratie ihrer Geschichte aufzubauen, dann letztlich machen, ist ihre Sache, aber die Chance als solche muß man ihnen schon erst mal geben. Wie sollen sie's denn sonst rausfinden?
Stellen wir uns vor, die USA hätten Saddam in seiner »Box« isoliert und klassische Eindämmungspolitik betrieben.
Da hätte sich die irakische Bevölkerung aber gefreut. Danach hätten sie den Westen bestimmt ganz doll liebgehabt, weil er so nachrangige Interessen wie ihr Überleben hinangestellt und sie für die traditionelle Realpolitik geopfert hätte. Wer könnte beispielsweise vergessen, wie sehr die Schiiten und Kurden gejubelt haben, als Bush der Ältere aus realpolitischen Erwägungen und um der Stabilität willen Saddam 1991 dann doch noch an der Macht gelassen hat. Das hat sicherlich sehr zur Popularität der USA in der arabischen Welt beigetragen.
Stellen wir uns vor, Amerikas Armee wäre nicht unter der Flagge des regime change, so verheißend dieses Ziel auch klang, in die irakische Falle gegangen.
Also momentan scheint es ja wohl eher so zu sein, als ob da die Terroristen in die Falle gehen. Sarkawi hat mit der einheimischen Bevölkerung derzeit jedenfalls ein wenig mehr Streß als die US-Armee.
Würde Iran dann auch heute so aggressiv agieren?
Gegenfrage: Würde er das nicht?
Hätte es ein paar Karikaturen zum »Kampf der Kulturen« hochgepeitscht?
Auch wenn das jetzt ein wenig überraschend kommen mag, aber diejenigen, die die Ausschreitungen organisiert und gesteuert haben, waren vorher nicht alle in der Arabisch-Amerikanischen Freundschaft engagiert. Und in reaktionären Diktaturen ist es bekanntlich nicht allzu schwierig, kleinere Demonstrationen auf die Beine zu stellen.
Nein, auch Glaubensbeseelte haben ein Gespür für die Machtverhältnisse. Mit Amerikas intakter Armada im Hintergrund hätten die Europäer über das iranische Atomprogramm gewiss erfolgreicher verhandeln können.
Ach darum geht's nur? Na, da kann ich Entwarnung geben. Amerikas Armada ist intakt, keine Sorge. Und sie ist zudem gleich in der Nähe. Das wäre sie aber nicht, wenn sie nur eine popelige Mechanisierte Brigade in Saudi-Arabien stehen hätte. Im übrigen vermag sich mir nicht ganz zu erschließen, wieso die Alten Europäer, denen der relativ begrenzte Irakkrieg bereits zuviel war, den Aufmarsch gegen den vielfach größeren Iran mit fliegenden Fahnen hätten unterstützen sollen. Man kann doch nicht ernstlich annehmen, daß Schröder in Goslar "Go get them, boys!" gerufen hätte, wenn es statt gegen Saddam gegen seinen Lieblingspartner für kritischen Dialog und wirtschaftliche Zusammenarbeit im Mittleren Osten gegangen wäre.
Außenpolitik ist eben nicht nur Innenpolitik, sei das Ziel ein Regimewechsel im Äußeren oder der »Regime-Erhalt« daheim, wie die Bagdader BND-Affäre zeigt.
Das mit dem Regimeerhalt ist allerdings wirklich schön gesagt. Wobei Schröder nicht nur seinen Sessel, sondern auch den von Saddam Hussein schützen wollte. Natürlich nicht, weil er den besonders mochte, aber weil arabische Diktatoren nun mal für deutsche Arbeitsplätze stehen (zumindest glaubt er das), und wenn's um Shakehands mit Despoten im Wüstensand geht, darf jemand wie er natürlich nicht fehlen.
[...] Eine bittere Ironie: Außer London hat keiner den USA so sehr im Krieg geholfen wie Berlin – und dafür nur Schläge (siehe den verweigerten UN-Sicherheitsratssitz) geerntet. Eine weitsichtige Realpolitik, früher »Staatskunst« genannt, sieht anders aus.
Wie wahr. Wobei aber Realpolitik weder weitsichtig noch Staatskunst ist. Sie ist maximal als temporäre Notlösung zulässig, wenn's um das eigene Überleben geht oder es sich wenigstens um einen übermächtigen Gegner handelt. Aber ohne Not vor irgendwelchen dahergelaufenen III.-Welt-Tyrannen im Staub zu kriechen, wenn man sich genauso gut an deren Sturz machen könnte, ist nicht nur erbärmlich, sondern auch kurzsichtig und gefährlich. Nach dem 11. September sollte dies eigentlich allen Beteiligten klar geworden sein. Es wäre zumindest tragisch, wenn erst eine Atombombe in einer europäischen Großstadt hochgehen muß, damit auch der letzte begreift, daß Kollaboration irgendwann eben auch einmal auf die Kollaborateure zurückfällt.
Von Staatskunst zeugt auch nicht der Brückenschlag nach Indien, den Washington gerade vollzogen hat. Bush betreibt dort klassische Gleichgewichtspolitik – Indien als Bollwerk gegen China.
Er betreibt nicht klassische Gleichgewichtspolitik um ihrer selbst willen, sondern Gegengewichtspolitik gegen ein stärker werdendes, nichtdemokratisches und zunehmend aggressives China, das in den USA nicht ganz zu Unrecht als eigentliche Hauptgefahr von morgen gesehen wird. Er versucht also seine Seite relativ zur anderen zu stärken. Bush würde seinen Job nicht ordentlich machen, wenn er diese Gelegenheit nicht nutzen würde. Bush und Singh haben hier einen dem Kalten Krieg geschuldeten historischen Fehler korrigiert, den ihre Vorgänger gemacht haben, indem sie sich mit der Sowjetunion respektive Pakistan den jeweils falschen Verbündeten ausgesucht haben. Ein möglichst starkes Bündnis aller Demokratien ist der beste Schutz, um ihre nicht demokratischen Widersacher von gefährlichen Abenteuern abzuschrecken, bzw. falls diese Abschreckung versagt, sicherzustellen, daß sie einer derartigen Fehleinschätzung kein zweites Mal unterliegen werden. Das Bündnis mit Indien kann also gar nicht eng genug sein.
Aber was hat er davon? Wenn Indien ein »natürlicher Partner« ist, wie Bush sagt, warum musste er ihn so großzügig bestechen, dass die Glaubwürdigkeit der atomaren Nichtverbreitungspolitik gegenüber Iran und Nordkorea zum Teufel geht?
Also eine sehr sympathische Theorie wäre schon mal, daß er damit den Terrorregimen dieser Erde unmißverständlich klarmachen wollte, daß mit der Bush-Doktrin jetzt ernst gemacht und in Zukunft mit zweierlei Maß gemessen wird, also nicht demokratisch legitimierten Regierungen endlich weniger Rechte zugestanden werden als Demokratien. Dies würde wiederum die Attraktivität für schwankende Alleinherrscher merklich erhöhen, sich bei der Frage, ob sie als letzter Tyrann oder als erster Reformer in die Geschichte ihres Landes eingehen wollen, für die letztgenannte Alternative zu entscheiden, und würde somit beträchtlich zur Sicherheit auf diesem Planeten beitragen. Reicht das?
Indien, das sich dem Atomwaffensperrvertrag verweigert hat, bekommt vertragswidrig US-Nuklearmaterial für seine zivilen Reaktoren und kann jetzt umso besser seine militärischen Anlagen mit eigenem Brennstoff bestücken. Wie zum Hohn ließ der »natürliche Partner« gerade wissen, er werde gegenüber Iran seinen »nationalen Interessen« gehorchen, sich also nicht »von anderen Nationen einspannen lassen« (sprich: den USA).
Das kennen wir auch schon von anderen Verbündeten der USA. Damit kann man jeneseits des Atlantik durchaus leben, wie wir seit der Achse Paris-Berlin-Moskau wissen. Im übrigen dürfte sich das selbst im Konflikt mit Pakistan befindliche Indien nicht wirklich darüber freuen, wenn neben dem vergleichsweise rationalen Pakistan noch ein weiteres, diesmal aber völlig durchgeknalltes islamistisches Regime an Atomwaffen kommt. Davon abgesehen wird Indien aber auch gar nicht benötigt, um den Iran zu demokratisieren, sondern vor allem um langfristig China vor irgendwelchen unüberlegten Dummheiten zu bewahren, die aus einer Überschätzung der eigenen Größe resultieren könnten. Gelingt das, hat Indien schon viel für die Welt getan.
Irak, Iran, Indien zeigen, dass eine Epoche der Weltpolitik zu Ende geht. Als strategisches Konzept hat Kants Ideal vom »demokratischen Frieden«, wonach nur Despoten Krieg führen, im Irak weder Demokratie noch Frieden gezeugt.
Das ist noch nicht raus. Zumindest die Iraker selber scheinen da (wie übrigens auch die Afghanen, deren jeglicher Realpolitik Hohn sprechende Befreiung in dem ganzen ZEIT-Artikel interessanterweise nicht ein ein einziges Mal erwähnt wurde) nämlich anderer Ansicht zu sein. Sonst sähe es angesichts der Probleme vor Ort sicherlich auch ein wenig schlimmer aus. Im übrigen sollte man mit dem offiziellen Verkünden des Scheiterns der Demokratie wenigstens eine Legislaturperiode lang warten. Die erste Bundestagswahl fand hier auch erst 4 Jahre nach dem Krieg statt. Und dafür, daß die Iraker anders als die Deutschen nicht mal demokratische Vorkenntnisse hatten und ihre totalitäre Diktatur 3-mal so lange gedauert hat wie die unsere, schlagen sie sich für angeblich demokratieunfähige Wilde gar nicht so schlecht.
Schlimmer noch ist, dass dieser Eingriff im Namen der Idealpolitik die wichtigste Regel der Realpolitik missachtet hat: Tue Gutes, aber bewahre das Kräftegleichgewicht als Unterpfand aller Stabilität.
Was wäre daran gut? Dann doch lieber die wichtigste Regel der Idealpolitik: Tue Gutes, aber sorge dafür, daß sich das Kräftegleichgewicht zu Deinen Gunsten verschiebt, und beraube so die Schurkenstaaten der von ihnen geschätzten Stabilität. Den es gibt keinen Grund, warum ein Diktator sich nicht schwach und instabil fühlen sollte. Im Gegenteil, die brauchen das.
Die Folge ist fürchterlich: der Aufstieg Irans, eines Staates, der Frieden und Demokratie in der Region mehr bedroht als jeder andere.
Andersherum wird ein Schuh draus: Was wäre erst los, wenn die Kinderschänderbande in Teheran sich sicher fühlen könnte, weil den USA außer ein paar Marschflugkörpern nichts einfallen würde, und sie zudem Stimmung gegen die amerikanische Unterstützung für korrupte Gewaltherrscher machen könnte? Ob das die Region wirklich sicherer machen würde?
Und wie das iranische Atomprogramm durch Hilfe für das indische delegitimiert werden kann, bleibt ein Geheimnis der Regierung Bush, das vor allem seine Parteifreunde zu ergründen wünschen.
Das geht ganz einfach: Die demokratisch, Ihr nix! Klingt arrogant und unfair gegenüber den Unterdrückern? Stimmt. So ist es auch gemeint.
Was folgt daraus? Vor allem die berühmte Warnung von Talleyrand: »Nicht zu viel Eifer« – sei’s aus ideologischen Gründen (Bush) oder innenpolitischen (Schröder).
Kommt darauf an worum es sich handelt. Die Demokratie ist schon ein wenig Eifer wert.
Gleichgewichtspolitik, die in den neunziger Jahren zu verblassen schien, kehrt zurück – allerdings mit ein paar Atommächten mehr.
Gleichgewichte halten wie gesagt nicht ewig. Früher oder später ist die erste Terroristengruppe Atommacht. Und das wird dann alles mögliche sein, aber ganz gewiß nicht stabil.
Realismus heißt selbstverständlich nicht, dass man sich bei allen Despoten lieb Kind machen soll. Denn die garantieren Berechenbarkeit nur um den Preis der Unterdrückung, die keine dauerhafte Stabilität verheißt.
Wie sagt man noch so schön: Wasch mich, aber mach mich nicht naß.
Aber regime change als Sicherheitspolitik? Das hat zum letzten Mal 1945 funktioniert, nach einem sehr langen Weltkrieg.
Ist uns aber sehr gut bekommen. Und hat Europa neben Frieden, Freiheit und Wohlstand auch mehr Sicherheit gebracht als jedes andere außenpolitische Konzept in seiner Geschichte. Das war's ja wohl wert, oder etwa nicht?
Ist der Westen hilflos? Nicht, wenn er sich nach dem Irak-Iran-Fiasko auf den Realismus in der Außenpolitik besinnt.
Wir könnten uns alternativ auch ein Loch in den Fuß bohren.
Keiner hat diesen besser formuliert als George F. Kennan, der Vater der »Eindämmung«.
Eindämmung? Ist das nicht diese Sportart, die sich vom Fußball vor allem dadurch unterscheidet, daß nur das Team mit den dunklen Hemden Tore schießen darf, so daß die Spieler in den hellen Trikots maximal ein Unentschieden rausholen können, beim kleinsten Fehler aber nur um die Höhe ihrer Niederlage spielen? Oder handelt es sich hier um jene geniale außenpolitische Strategie, die es binnen 30 Jahren geschafft hat, aus der von einem Krieg geschwächten und international isolierten Sowjetunion ein Weltreich zu machen, daß mit seinen Statthaltern den halben Erdball kontrollierte, bevor Ronnie ihr endlich den Stecker rausgezogen hat? Nein, bitte nicht, noch so einen Sieg dürften wir kaum überleben. War so schon knapp genug.
Kennan hat dem Westen 1946 eine »langfristige, geduldige, aber entschlossene und wachsame« Politik gegenüber Moskau verordnet, um so die »Mäßigung« oder den »Zerfall« sowjetischer Macht zu befördern.
Was hat Kennan eigentlich noch gleich zu den Millionen von Menschen gesagt, die bis zum Eintreffen dieser Prophezeiung durch die Killing Fields des eingedämmten Kommunismus gegangen sind? Ich find die Seite gerade nicht. Stammt da nicht sogar die Überschrift mit dem Fiasko her?
Tatsächlich erfolgte beides – erst die Entideologisierung, dann der Kollaps.
Dumm für die, die das nicht mehr erleben dürfen, weil es im sibirischen GULag oder den Minenfeldern afrikanischer Hungerleidernationen oder auf einem Schädelberg bei Pnom Penh kein Live-TV gab.
Werte- und Interessenpolitik sind also keine unversöhnlichen Feinde.
Stimmt. Zumindest nicht nach der Bush-Doktrin oder den neokonservativen Strategiepapieren. Bei der Realpolitik hingegen sind sie es schon.
Die richtige Mischung muss bloß so angelegt sein, dass sie die kurzen Zyklen demokratischer Innenpolitik überdauert.
Dieser Einwand ist allerdings leider völlig berechtigt. Es steht zu befürchten, daß Demokratien die notwendige Ausdauer für die Umsetzung einer globalen Befreiungsstrategie tatsächlich am Ende nicht aufbringen werden, die nötig wäre, um eben diese Demokratie zu schützen und zu verbreiten. Transportflugzeuge voller schwarzer Plastiksäcke können mit feurigen Reden wahlkämpfender Kanzler auf Goslarer Marktplätzen nicht mithalten, weil niemand mit derselben Intensität die Bilder jener Völkermorde zu sehen bekommen wird (oder auch nur sehen will), die durch den Einsatz von ersteren gegen den Willen von letzteren verhindert wurden. Doch sogar wenn es diese Bilder gäbe, so lägen in den Massengräbern ja nur "die anderen", in den flaggendrapierter Särgen hingegen die eigenen Landsleute. Mitleid aber hört an der Landesgrenze oder bei der Hautfarbe ganz schnell auf.
Doch selbst wenn man nur ganz egoistisch die eigenen Interessen im Blick hätte, so arbeitet die Zeit auch dann nicht für die Demokratie. Wir werden dem Iran die Atomwaffen wohl noch mal aus der Hand schlagen können und übermorgen vielleicht auch Nordkorea, aber irgendwann werden wir einen Schritt zu spät sein. Das ist keine Frage des "ob", sondern nur des "wann". Eines Tages wird ein Bin Laden oder Sarkawi die ultimative Waffe haben. Und er muß nur einmal Erfolg haben, wir hingegen immer. Deshalb ist es so entscheidend, daß wir auch aus ganz eigennützigen Interessen unseren Feinden nicht mittels defensiv ausgerichteter Realpolitik jene Zeit verschaffen, die sie benötigen, um ihre Pläne zu verwirklichen, sondern das Problem von Terror und Tyrannei offensiv durch eine weltweite Demokratisierung an der Wurzel packen.
Das kann einen wahrlich schon pessimistisch stimmen. Umso wichtiger wäre es, wenn gerade jemand wie Josef Joffe sich von der dunklen Seite der Macht abwenden und wieder auf der richtigen Seite mitspielen würde. Vielleicht schießt unser Team dann ja doch noch ein paar Tore.
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