Süddeutsche Zeitung
Das stalinistische Regime macht viel Lärm um sein Atomprogramm, doch US-Präsident George W. Bush mag gar nicht hinhören.
Er hat zumindest wesentlich mehr hingehört als alle diejenigen, die ihn jetzt kritisieren. Und ich kann mir ehrlich gesagt kaum vorstellen, daß seine Kritiker sich sonderlich darüber gefreut hätten, wenn er noch genauer hingehört hätte. Oder könnte sich jemand einen SZ-Artikel von Kai Strittmatter mit der Überschrift "China schnick-schnack: Bush erklärt Nordkorea endlich den Krieg" vorstellen?
Es ist schon merkwürdig. Da ist US-Präsident George W. Bush vor vier Jahren angetreten mit dem Anspruch, die Welt von Tyrannen zu befreien und vor allem sicherer zu machen.
Merkwürdig daran ist nur, daß die Süddeutsche Zeitung das merkwürdig findet. In Afghanistan und dem Irak sind von ihm schon mal zwei Terrorregime aus dem Spiel genommen worden, durch das Isolieren von Arafat wurde ein drittes de facto ausgesessen, dazu Ex-Ober(st)radikalinski Gaddhafi zumindest schon mal ruhiggestellt. Macht zusammen also ungefähr dreieinhalb. Bei welchen davon stand die Süddeutsche noch gleich solidarisch an Bush's Seite? Und wieviele haben die europäischen Friedensmächte in derselben Zeit geschafft?
Er wollte also jenen auf die Finger klopfen, die mit Massenvernichtungswaffen spielen. Drei Bösewichte suchte er sich aus und schnürte sie zusammen unter dem Schlagwort von der "Achse des Bösen".
Die Kritik ist berechtigt. Bush ist einfach zu nett. Ich wäre bestimmt problemlos auf 30 gekommen. Mindestens.
Dann zog er in den Krieg mit Bösewicht Nummer eins, mit dem Irak also, wo keine solchen Waffen gefunden wurden. Hernach trat seine Regierung eine scharfe öffentliche Debatte los über die Nummer zwei, Iran, dem nachgesagt wird, an solchen Waffen zu arbeiten.
Bösewicht Nummer drei aber, Nordkorea, will Bush kaum über die Lippen kommen. Gerade mal einen Satz hatte der Präsident in seiner Regierungserklärung vergangene Woche übrig für Pjöngjang.
Tja, was fällt uns da auf? Bei Bösewicht Nr. 1 konnte Bush die neokonservative Variante des "regime change" ausprobieren. Bei Bösewicht Nr. 3 war er gezwungen, sich auf die Methoden der "soft power" zu beschränken. Sehr schön, daß die Süddeutsche Zeitung in diesem Zusammenhang jetzt endlich auch offiziell feststellt, daß die bei Nr.1 angewandte Vorgehensweise irgendwie doch ein wenig erfolgreicher ist als die bei Nr. 3. Jetzt fehlt eigentlich nur noch, daß sie für die Behandlung von Nr. 2 daraus die richtigen Schlüsse zieht.
Warum das merkwürdig ist? Weil Nordkorea als einziges der drei Länder seit längerem bei fast allen Geheimdiensten des Westens im Verdacht steht, schon jetzt mindestens ein oder zwei Atomsprengköpfe zu besitzen.
Auch hieraus kann die Süddeutsche Zeitung etwas lernen: Hat der Schurkenstaat erst mal die Bombe, ist es wesentlich schwieriger, sie ihm wieder wegzunehmen, als vorher zu verhindern, daß er sie überhaupt bekommt. Umso wichtiger ist es folglich, bei Nr. 2 rechtzeitig hinzuhören, wenn uns mit "Höllenfeuern" gedroht wird. Und, Süddeutsche, hörst Du auch hin?
Weil es eigentlich das bedrohlichste ist und die meiste Aufmerksamkeit des amerikanischen Präsidenten verdient hätte. Weil das Regime davon aber so wenig bekommt, dass es immer wieder meint, durch Paukenschläge selbst auf sich aufmerksam machen zu müssen - wie am Donnerstag, als es erstmals offiziell erklärte, dass es im Besitz von Atomwaffen sei.
Ach deswegen! Jetzt verstehe ich das erst. Da hat sich der Geliebte Führer vor Jahren wohl gesagt "Hm, eines Tages könnte es ja mal sein, daß der amerikanische Präsident mir nicht mehr aufmerksam genug zuhört, da laß ich mir am besten gleich mal ein nukleargetriebenes Tischglöckchen bauen". Ansonsten ist er ja ein lieber Kerl, aber wenn ihn diese blöden Amis andauernd ignorieren, anstatt ihn endlich für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen, was soll er denn da auch anderes machen als Atombomben zu bauen?
Das einzig beunruhigende daran ist, daß ich mich jetzt gar nicht mehr richtig traue, Artikel von Kai Strittmatter zu ignorieren. Wer weiß, was der dann aus verletzter Eitelkeit im Archivkeller des SZ-Redaktionsgebäudes treibt.
Für Bush kommen solche Paukenschläge ungelegen, weil seine Nordkorea Politik die letzten Jahre ohne Plan und ohne Ziel war. Vom "gefährlichsten Versäumnis" der US-Außenpolitik sprach die New York Times diese Woche; von "böswilliger Nachlässigkeit" Bradley Martin, der Autor einer eben erschienenen Biografie der nordkoreanischen Kim-Dynastie.
Dieselben Leute hätte ich ja gerne mal gehört, wenn Bush sich gerade so eben nicht verhalten, sondern dem guten Kim mal richtig Feuer unterm Hintern gemacht hätte.
Bush hat Nordkorea schlicht ignoriert, weil sich ein Tyrannensturz dort nicht so leicht inszenieren lässt wie in Bagdad, weil er aber gleichzeitig von seiner Basis nicht dabei erwischt werden will, mit einem wie Kim Jong Jl in Verhandlungen zu treten. Es stimmt schon, einen übleren Diktatoren als Kim wird man kaum finden.
Stimmt, jetzt wo Saddam Hussein weg ist, ist er sicherlich einer der heißesten Anwärter auf den Spitzenplatz. Und genau deswegen gibt es mit so einem Spinner auch nicht allzuviel zu verhandeln. Solange China ihn aber stützt und Korea sowie Japan lieber kuschen wollen, kann's der George alleine nun mal auch nicht reißen.
Unter Bill Clinton haben die USA dennoch mit ihm verhandelt - und als Clinton abtrat, hatte Nordkorea die Bombe wohl noch nicht. Alle Atomwaffen, die Kim nun in den Händen hält, hat er erworben, während die Regierung Bush sich Augen und Ohren zuhielt.
Nein, sie ist nur der Helmut-Schmidt-Maxime gefolgt, lieber tausendmal zu verhandeln als einmal zu schießen. Geschossen wird jetzt vielleicht trotzdem, nur halt zu ungleich schlechteren Bedingungen. In diesem Sinne: Danke auch, Ihr ganzen Appeasement-Idioten!
Nun werden wohl die Hardliner in Washington wieder Aufwind verspüren, jene Leute, die sich wiederfinden in Kommentaren wie dem des Wall Street Journals, das nach den Wahlen im Irak über die Achse des Bösen titelte: "One down, two to go".
Wie's jetzt aussieht, nur noch "one to go". Auch den Amerikanern ist es schließlich nicht zu verdenken, daß ihnen im Zweifelsfall das Hemd näher als die Hose ist. Aber der eine sollte nicht auch noch bis zur Atommacht hochgeplappert werden. Sonst ist Schicht im Schacht, Süddeutsche.
Wenn's denn so einfach wäre. Nordkorea ist nicht der Irak. Ein Krieg auf der koreanischen Halbinsel würde wahrscheinlich ein Vielfaches an Opfern fordern, eine Pentagon-Studie von 1990 sprach von einer Million Toten. Da war noch die Rede von einem konventionellen Krieg.
Lektion Nr. 3 im heutigen Kurs "Schurkenstaaten für Dummies": Einen konventionellen Krieg verhindern zu wollen, ist nur dann eine wirklich gute Idee, wenn gleichzeitig sichergestellt wird, daß man stattdessen nicht hinterher einen nuklearen auskämpfen muß. Und Du da hinten in der letzten Bank - ja, genau Dich meine ich, Kai, nicht schwätzen! Das kommt alles in der Prüfung dran. Und die Herren mit dem Turban benoten äußerst streng.
Letzte Kommentare