Wie aus meiner Fanpost, aber auch der WMD-Kommentarsektion hervorgeht, sorgt derzeit ein Bericht des Nachrichtenmagazins des Möchtegernnachrichtenmagazins der Illustrierten FOCUS für eine gewisse Unruhe in Teilen der - sagen wir - amerikakritischen Öffentlichkeit. Wobei Unruhe vielleicht das falsche Wort ist. Angemessener wäre wohl eher etwas wie "freudige Erregung" oder "erwartungsvolles mit den Füßen scharren". Denn es geht um nichts weniger als die Untaten der amerikanischen Kriegsmaschinerie - ein Thema, das spätestens seit den 40er-Jahren in Deutschland immer wieder ganze Sportpaläste Hofgärten die Volksmassen zu begeistern vermag.
Dabei würde man dem FOCUS angesichts seines doch eher zu vernachlässigenden Auslandsteils zuviel Ehre antun, wenn man ihn für die Aufregung verantwortlich machen würde und nicht jene US-Zeitschrift, über deren Berichterstattung er in Ermangelung eigener Ideen zum Mitschwimmen auf der Antiirakkriegswelle Bericht erstattet, nämlich "The Nation". Diese hat kürzlich US-Soldaten interviewt, was den FOCUS-Redakteur, dem das Ergebnis in die Hände gefallen ist, dazu veranlasste, unter der einprägsamen Schlagzeile "Irak-Krieg: US-Soldaten töten wahllos Zivilisten" einen Artikel mit den folgenden vielsagenden Zeilen zu eröffnen:
Schießwütige US-Soldaten gehören im Irak offenbar zum Alltag. Doch sie werden fast nie bestraft und offenbaren ihre Gräueltaten selten, wie jetzt einem US-Magazin.
Wer bei diesen Worten jetzt an seinen Großvater denkt, von dem er so was als Kind auch schon mal gehört hat, sollte jetzt aber nicht den naheliegenden Fehler machen und aus dem Namen der Zeitschrift darauf schließen, daß es sich hier um irgendein stramm patriotisches Propagandablatt von durch die bittere Wahrheit geläuterten amerikanischen Konservativen handelt. "The Nation" gilt als den Demokraten (das ist die Partei, die derzeit im Kongreß alles tut, um den Kameraden der interviewten US-Soldaten den finanziellen Stecker rauszuziehen) nahestehend und bezeichnet sich selbst als "Flaggschiff der Linken", welche gemeinhin nicht dafür bekannt ist, Argumente FÜR den Irakkrieg zusammenzusuchen.
Da verwundert es denn auch nicht, dass "The Nation" es in monatelanger Vorbereitung tatsächlich geschafft hat, aus nur wenigen hunderttausend Irakkriegsveteranen immerhin 50 aufzutreiben, die von amerikanischen Kriegsverbrechen oder wenigstens fragwürdigen Methoden der Kriegführung zu berichten wissen, und deren Grundhaltung man bei "The Nation" offen mit den Worten "many of whom have come to oppose the occupation" beschreibt. Das hindert den FOCUS jedoch nicht daran, die daraus gezogenen Schlüsse zu verallgemeinern, obwohl selbst der proamerikanischer Umtriebe unverdächtige SPIEGEL inzwischen einräumen muß, daß die Amerikaner mit den Irakern offenbar doch besser umgehen als diese selbst.
Das heißt wohlgemerkt natürlich nicht, daß amerikanische Soldaten als einzige auf der Welt niemals Kriegsverbrechen begehen. Im Gegenteil, es wäre angesichts der Zahl der bereits im Irak eingesetzten Truppen ein in der Kriegsgeschichte wohl einmaliges Wunder, wenn es über die interviewten 50 Soldaten hinaus keine weiteren derartigen Zwischenfälle gegeben hätte. Wenn man nur den Bevölkerungsdurchschnitt der Gewaltkriminellen auf die Armee hochrechnet, sollte da bereits genügend Potential vorhanden sein, um "The Nation" und dem FOCUS noch Material für weitere spannende Geschichten zu liefern. Wer glaubt, in einem Antiterrorkrieg gäbe es weniger Brutalität als im Bahnhofsviertel der nächsten Großstadt, ist jedenfalls ein Träumer.
Denn den sauberen Krieg gibt es nicht. Kriegsverbrechen lassen sich nie völlig verhindern, in keinem Krieg und von keiner Armee. Das ist aber auch gar nicht die Frage. Entscheidend ist viel mehr, ob man derartige Verbrechen selber organisiert, fördert, duldet, ablehnt oder bekämpft. Tut ein Land letzteres und handelt es sich, was dann sehr wahrscheinlich ist, um einen demokratischen Rechtsstaat, so stehen ihm dabei allerdings auch nur dessen Mittel zur Verfügung. Das heißt, er kann die Täter zwar bestrafen, dies setzt aber voraus, daß man diesen die Tat dann auch nachweisen kann, sonst hat man vor Gericht nun mal schlechte Karten. Und wenn dann die Zeugen die Aussage verweigern oder sich nur gegenüber der Presse statt vor Gericht äußern, dürfen sie sich nicht darüber beklagen, daß die Täter am Ende ungestraft davonkommen
Hier steht man nun mal vor dem selben Problem wie bei der Kriminalitätsbekämpfung ganz allgemein, wo man zum Verdruß der rechtschaffenen Bürger immer wieder mutmaßliche Täter aus Mangel an Beweisen laufen lassen muß, ohne daß das jetzt irgendjemand dem Gericht vorwerfen oder gar fordern würde, die Beschuldigten dann halt einfach auf Verdacht auf die Teufelsinsel zu schicken. Wer aber ernsthaft in Kauf nehmen will, lieber Unschuldige zu bestrafen als Schuldige laufen zu lassen, soll das offen sagen, und nicht so tun, als ob eine derartige Willkürjustiz mit unserem derzeitigen westlichen Rechtsverständnis kompatibel wäre.
Und kommt es erst mal zu einer Gerichtsverhandlung, kann man gerade der amerikanischen Justiz nicht vorwerfen, dass sie, wenn sie denn einen Kriegsverbrecher endlich an den Eiern bzw. Eierstöcken hat, sonderlich zimperlich wäre. Da beantragt die Staatsanwaltschaft für das, was hier in Deutschland als "Körperverletzung" verharmlost wird, schon mal zweistellige Haftstrafen (wohlgemerkt Jahre, nicht Monate), und einem brutalem Mörder droht sogar die Todesstrafe, was selbst unter Irakkriegsgegnern zu erstaunlichen Solidarisierungen führen kann. Gleichzeitig drehen die Feinde des Westens von ihren schwarzen Schafen Heldenvideos, benennen Straßen nach ihnen, und am Ende zieren deren Gesichter gar Poster und T-Shirts auf der ganzen Welt.
Hinzu kommt, daß diejenigen, die jetzt publikumswirksam Krokodilstränen ob getöteter irakischer Frauen und Kinder vergießen, all die Jahre zuvor geschwiegen haben, als derartige Verbrechen nicht die beklagenswerte Ausnahme, sondern die völkerrechtskonforme Regel waren, und daß gerade diese Klientel auffällig oft den Sturz eben jenes Diktators, der für besagte Verbrechen verantwortlich war, vehement ablehnt. Artikel wie dieses "Meisterstück" von FOCUS bzw. "The Nation" sind also nicht nur eine böswillige Verzerrung der Wirklichkeit, sondern erfüllen zusätzlich noch den Tatbestand widerwärtiger Heuchelei in einem besonders schweren Fall.
Vollends absurd wird das ganze aber, wenn das Vorhandensein von Mißständen und die unzureichenden Erfolge im Kampf gegen selbige als Vorwand genommen werden, um gegen totalitäre Bedrohungen geführte Kriege als solche zu diskreditieren. Denn auch wenn man der Ansicht ist, daß die USA den Kampf gegen Verbrecher in den eigenen Reihen noch nicht ausreichend führen, sollte man bei aller im Einzelfall berechtigter Kritik nie vergessen, daß ohne das Eingreifen Amerikas die Welt gerade diesbezüglich immer noch um einiges schlechter aussähe. Da dürfen sich die Amerikahasser dann auch nicht wundern, wenn der Schuß bisweilen nach hinten los geht.
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