Es ist ja selten genug geworden, aber diese Woche lohnt es sich endlich mal wieder, zum Kiosk zu stürmen um die Printausgabe des SPIEGEL käuflich zu erwerben. Denn im aktuellen Heft findet sich ein hervorragendes Beispiel für den schon ans selbstzerstörerische grenzenden Mut des führenden deutschen Nachrichtenmagazins.
Das tut es jetzt allerdings nicht, weil der SPIEGEL sich da irgendwie außergewöhnlich mit Ruhm bekleckert hätte, sondern weil wirklich verdammt viel Mut dazu gehört, eine dermaßen peinliche Bankrotterklärung eigener journalistischer (In)Kompetenz nicht stillschweigend im Shredder verschwinden zu lassen, sondern sie trotzdem tapfer abzudrucken, und das dann auch noch im Rahmen einer Titelgeschichte.
Denn selten, wenn überhaupt je, hat man sich beim SPIEGEL-Gespräch so grandios blamiert wie bei diesem stümperhaften Versuch eines Interviews mit dem iranischen Präsidenten. Statt Adolf gehörig in die Mangel zu nehmen, ließ man sich dermaßen vorführen, daß der Leser sich stellenweise an eine Kindervorstellung im Zirkus erinnert fühlt, wo der Dompteur nicht mal mit der Peitsche knallen muß, damit die Tanzbären brav im Kreis dackeln.
Begonnen hatte das Interview fast erwartungsgemäß mit ein paar mahnenden Worten zu Achmadinedschads antisemitischen Holocaustleugnungen und israelfeindlichen Vernichtungsdrohungen. Doch anders als geplant, gelang es Deutschlands Journalistenelite lange Zeit nicht, sich wieder aus dem Gestrüpp aus deutscher Schuld und der daraus resultierenden Verantwortung zu befreien.
Achmadinedschad, der ausgesprochen clever agierte, nutzte das eiskalt aus und drehte den Spieß zeitweise sogar so um, daß es nach einer Weile schien, als ob er seine Gegenüber interviewt und nicht umgekehrt. In diesem mitunter an ein Kreuzverhör in einem amerikanischen Gerichtssaal gemahnenden Spiel war die komplette SPIEGEL-Mannschaft vollauf damit beschäftigt, sich zu rechtfertigen und konzentrierte sich ansonsten darauf, mit Hilfe von verschwurbelten Verrenkungen wenigstens zu verhindern, daß man auf diesem schlüpfrigen Terrain auch noch ausrutscht.
Die Befreiung durch einen Themenwechsel gelang erst, nachdem man sich wiederholt mit anbiedernden Bemerkungen wie "Amerika hat den Irak-Krieg de facto verloren" und - nur ein paar Absätze weiter - "der Krieg ist für die USA praktisch verloren" bei Achmadinedschad einschleimen konnte. Aber auch danach war man offenkundig weder willens noch in der Lage, den iranischen Präsidenten trotz seiner nur noch anderthalbdeutigen Bestätigung des Strebens nach der Atombombe diesbezüglich auch nur ansatzweise in die Enge zu treiben.
Zum Ende des Interviews hin hatte man dann stark den Eindruck, daß da nur resigniert die restlichen Themen abgearbeitet wurden, die man noch auf der Liste hatte. Wobei das nicht heißen soll, daß die wirklich wichtigen Fragen, mit denen man Achmadinedschad hätte demontieren können, um ihn der Öffentlichkeit als das zu zeigen was er ist - ein größenwahnsinniger, gemeingefährlicher Kriegstreiber und Massenmörder -, überhaupt auf dieser Liste gestanden hätten.
Denn Begriffe wie Steinigungen, Auspeitschungen, Baukräne, Folterungen, Menschenrechtsverletzungen überhaupt, die Zwangsverheiratung von Kindern, Beschneidung der Frauenrechte, Unterdrückung Homosexueller, weltweite Unterstützung von Terroristen, Destabilisierung anderer Länder der Region, fielen nicht einmal, geschweige denn, daß in dieser Richtung mal nachgehakt worden wäre.
Gegen dieses erbärmliche Schauspiel ist selbst die Talkrunde bei Sabine Christiansen ein eisenhartes Verhör an der Grenze der zulässigen Methoden. Wenn Achmadinedschad glaubt, daß Europa nicht ernstzunehmen ist, dann kann man ihm das nach dieser Erfahrung wahrlich nicht übelnehmen. Denn wohlgemerkt, da hat man nicht mit der Ablage unausgelastete Redaktionspraktikanten geschickt, sondern die Speerspitze Hamburger Journalistenkunst, angeführt von keinem geringeren als Stefan Aust höchstselbst.
Daß Austs Souffleure Dieter Bednarz und Gerhard Spörl dann noch für einen weiteren Artikel in dieser SPIEGEL-Ausgabe mitverantwortlich zeichnen, in welchem die europäische Forderung, "die offene Unterstützung von iranischen Oppositionsgruppen ein[zu]stellen", als ernsthafte Alternative zum "neokonservativen Moralismus" der USA dargeboten wird, nimmt dem SPIEGEL für die nächsten - sagen wir 20 - Jahre das Recht, sich noch mal in irgendeiner Form über amerikanische Realpolitik aufzuregen.
Wenn die Amis also beschließen sollten, doch wieder zum vor allem in Europa traditionell üblichen und schon von Friedensnobelpreisträgern wie Henry Kissinger und Willi Brandt geschätzten Kuschelkurs gegenüber Diktaturen zurückzukehren, und diese nur noch zu stützen statt zu stürzen, möchte ich aus der Brandstwiete nichts hören als "richtig so, unsere Rede, haben wir schon immer gesagt".
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