Irak ist nicht Vietnam
Hanspeter Born hat in der Weltwoche einen für europäische Verhältnisse geradezu sensationellen Artikel zur Bewertung des bisherigen Verlaufs des Irakkriegs geschrieben, der dessen Wahrnehmung im Westen in ein angemessenes Verhältnis zur Realität setzt:
US-Präsident George W. Bush hat den Sieg über Saddam zu früh ausgerufen. Trotz des anschwellenden Chaos in Mesopotamien ist der Feldzug weder ein militärisches Fiasko noch ein geostrategischer Fehlentscheid.
Born weist dabei auf die Erfolge hin, die erst durch den militärischen Sturz Saddam Husseins möglich wurden und die in der alltäglichen Berichterstattung leider immer wieder dem Motto "bad news are good news, good news are no news" geopfert werden:
[...] Allerdings verdecken die täglichen Schauermeldungen die Fortschritte, die das irakische Volk unter amerikanischer Anleitung gemacht hat. Die Iraker haben sich eine unter den Volksgruppen ausgehandelte Verfassung gegeben. Sie haben frei ein Parlament gewählt, und dieses Parlament hat eine Koalitionsregierung eingesetzt. Dutzende von freien Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern können ihre Meinung publizieren. Die religiösen Führer, angeführt von Ajatollah Sistani, bemühen sich zusammen mit den Politikern um einen Konsens, der die aufständischen Sunniten in den politischen Prozess einbeziehen soll. Der Aufbau einer verlässlichen Armee (und Polizei) geht – mehr langsam zwar als sicher – voran.
Er entlarvt im Rahmen seines Artikels auch die angebliche Niederlage der USA in Irak als das was sie ist - nämlich eine Niederlage der Terroristen, die nur deswegen, weil die Massenmedien sie systematisch ignorieren, nicht weniger deutlich ausfällt:
[...] Das Terrorunternehmen al-Qaida, das seit 1993 Krieg gegen die USA führt und den Irak als «zentrale Front» dieses Feldzuges versteht, ist im Begriff, die Schlacht im Zweistromland zu verlieren.
[...] Dschihadisten und Saddamisten mussten im Oktober die höchsten Verluste seit Beginn des Aufstands im Jahr 2004 einstecken. Sie erreichten nicht ein einziges der militärischen Ziele, die sie auf ihren Webseiten und über arabische Fernsehsender proklamiert hatten. Der Versuch, in der Umgebung der Städte Haditha und Anah in der Provinz al-Anbar ein Stück Territorium als «islamisches Emirat» zu besetzen, misslang trotz verschiedener Anläufe, weil eine neugebildete Koalition sunnitischer Stämme, welche die Dschihadisten aus dem Land jagen will, sich in den Kampf eingeschaltet hat. Versuche der Fanatiker, in Mosul, Iraks grösster sunnitischer Stadt, eine militärische Bastion zu errichten, wie es Falludscha 2004 war, wurden von der irakischen Armee vereitelt.
Vor allem aber vergißt Born nicht diejenigen, die beim Kampf um den Irak die Hauptbetroffenen sind, nämlich die Iraker. Und die weigern sich allen Schwierigkeiten zum Trotz weiterhin beharrlich, die Einschätzung der einige tausend Kilometer entfernten Kriegsgegner zu teilen:
Die meisten Iraker schauen laut Meinungsumfragen trotz der herrschenden Quasianarchie optimistisch in die Zukunft. Kanan Makiya, Autor der «Republik der Furcht», räumt ein, dass der Westen Fehler machte, aber glaubt immer noch, dass es richtig war, «einer Tyrannei ein Ende zu setzen, die selbst an den schrecklichen Normen des Nahen Ostens gemessen aussergewöhnlich war». «Als Iraker», meint Makiya, «kann ich niemals sagen, dass es falsch war, den Sturz dieser Diktatur zu unterstützen.»
Dabei erinnert er auch daran, daß die Folgen einer Niederlage der USA im Irak weit über diesen hinaus katastrophale Folgen hätten, und zwar nicht nur für Amerika, sondern für die gesamte sich im Krieg gegen den Islamismus befindliche westliche Welt:
Ein Debakel wäre es hingegen, wenn die USA und Grossbritannien abzögen, bevor die vom Volk gewählte irakische Regierung ihre Macht konsolidiert und auf das ganze Land ausgedehnt hat. Ein vorzeitiger Abzug würde den Irak und den Nahen Osten unbeschreiblichem Schrecken aussetzen. Er wäre ein Sieg für die totalitären Islamisten, die dem Westen den Krieg erklärten, lange bevor die von den Vereinigten Staaten angeführte Koalition Millionen Iraker vom Joch Saddam Husseins befreite; er gäbe fanatischen Islamisten auf der ganzen Welt gewaltigen Auftrieb; und er würde signalisieren, dass der Westen seinen Widerstandswillen verloren hat und reif ist, gepflückt zu werden.
Als Zuckerstückchen schließt Born mit einem Fazit, welches den Bushhassern die Zornesröte ins Gesicht treiben dürfte und das alleine schon Grund wäre, die Weltwoche für ihren Mut lobend zu erwähnen:
Der verlachte George W. Bush scheint im Gegensatz zu Lyndon Johnson vor 38 Jahren die Nerven zu behalten und trotz aller Schwierigkeiten den Irak nicht im Stich zu lassen.
(Dank an Ali Baba für den Tip)

@ paul
es kann ja sein, dass es in Europa noch jemand gibt, der Deiner meinung ist. dass es sich dabei eim Hanspeter Born von der `Weltwoche´ handelt, spricht allerdings nicht für die intellektuelle qualität der geteilten meinung.
nur - wen interessiert das?
denn, da wir gerade mal wieder von der realität in Iraq reden - hier ist sie, live und in farbe:
http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/6183688.stm
und als neues kleines highlight für die entwicklung von frieden, freiheit und stabilität im Iraq:
http://english.aljazeera.net/NR/exeres/FC6E5C31-9CAF-40B7-9F9F-D7818BD0B520.htm
noch fragen?
ivan grosny
P.S. paule kann ja mal einen zeitpunkt angeben, bis wann die kampfbereitschaft der "Dschihadisten und Saddamisten" angesichts der hohen eigenen verluste endgültig zusammenbrechen wird - er hat ja schon übung mit solchen strategischen analysen ...
Kommentiert von: ivan grosny | Montag, 27. November 2006 um 13:16 Uhr
@grosny
Dass es viele Gewalthandlungen im Irak gibt, bestreitet Born ja nicht. Entscheidend für eine positive wissenschaftliche Analyse ist aber nicht, ob es viel Gewalt gibt oder nicht (hier ist das Wort 'viel' subjektiv auslegbar), sondern ob es mehr/weniger Gewalt gegenüber einer Referenzsituation gibt.
Europäische Schreckensmeldungen ohne Bezugspunkt suggerieren dem eiligen Leser, seine eigene Situation sei die Referenz, und da stellt er fest, dass es im Irak erheblich schlimmer zugeht als in Deutschland.
Zweifelsohne ist aber bei einem Land im politischen Umbruch wie dem Irak eine Vorher-Nachher-Analyse wesentlich sinnvoller und aussagekräftiger als ein auf eine Periode beschränkter Ländervergleich.
Nimmt man also als Referenzsituation den Irak zum Zeitpunkt der Herrschaft Husseins, so scheint es eine Vielzahl an (in Europa oft unterschlagenen) Indikatoren zu geben, die auf eine Besserung hindeuten.
Während ich von Befürwortern der US-Außenpolitik intersubjektiv nachvollziebare Argumente in Form quantitativer Maßzahlen (z.B. die Anzahl an Schulen/Krankenhäusern/..., Todesopferzahlen vorher-jetzt,...) oder qualitativ-deskriptiver Vergleiche der politischen Systeme (jetzt: Wahlen und Verfassung, Pressefreiheit,...) geliefert bekomme, sehe ich auf Kriegsgegnerseite nur heiße Luft bzw den populistischen (ich hasse das Wort, aber hier passt es) Verweis auf in letzter Zeit häufiger auftretende Terroranschläge. Dabei hat sogar die Leiterin von Amnesty International festgestellt, dass im Irak jetzt weniger Menschen umkommen als unter Hussein (übrigens in einem Interview mit der 'Weltwoche').
Unabhängig von den theoretischen Überlegungen europäischer Sesselpupser, die an die kriegsstrategischen Analysen der Bürger von 'Im Westen nichts Neues' erinnern, ist jedoch der beeindruckenste Beweis des Versagens europäischer Berichterstattung, dass sie nicht erklären kann, warum noch so viele Iraker in Umfragen mit Hoffnung in die Zukunft blicken. Die einzig von mir gehörte Erklärung aus der Anti-Bewegung: An den Umfragen muss manipuliert worden sein! Hier wird deutlich, wer die Realität mit seinem Weltbild nicht abdecken kann/will.
Fazit: Born hat ins Schwarze getroffen!
MfG
Christian
Kommentiert von: Christian | Montag, 27. November 2006 um 20:12 Uhr
@ christian
natürlich ist die situation im Irak nicht mit Westeuropa oder in Nordamerika zu vergleichen und etwaige schlußfolgerungen nach dem motto "da werden aber ganz schön viele menschen umgebracht" sind freundlich gesagt als naiv einzustufen.
allerdings führt auch der umkehrschluß nicht viel weiter. für das weitere vorgehen der besatzungstruppen / der USA / "des Westens" ist das absolute gewaltniveau auch nur begrenzt relevant. wichtig ist aber die frage, inwieweit die alltägliche gewalt den politischen prozess des "nation-building" verhindert, möglicherweise bis zu einem punkt, wo staatliche strukturen zusammenbrechen oder die zentralregierung die kontrolle über teile ihres staatsgebietes verliert
- wie in Afghanistan.
Dies ist aus zwei gründen wichtig:
1. die bereitschaft der USA, ressourcen (diplomatisch, militärisch, finanziell) zur lösung des konfliktes einzusetzen, ist begrenzt.
2. bei einer weiteren eskalation der kämpfe zwischen den religiösen / ethnischen fraktionen besteht die gefahr einer regionalen destabilisierung - wenn nämlich nachbarstaaten direkt in die kampfhandlungen eingreifen sollten.
zynisch gesprochen: den meisten akteuren auf dem spielfeld Irak ist es völlig egal, ob ein paar tausend Iraker mehr oder weniger draufgehen. wichtig ist, ob (und ggf. wann) der Irak auseinanderbricht - und wer die bruchstücke einsammelt.
oder anders ausgedrückt: ob Borns einschätzung die irakische realität & zukunft realistisch beschreibt wird sich bald zeigen. angesichts der entwicklung der letzten monate (s.o.) leiste ich mir eine gewisse skepsis.
ivan grosny
P.S. wenn Du diesen blog regelmäßig lsen solltest , dann weißt Du, dass ich wiederholt quantiative daten / quellen zum stand des wiederaufbaus, der ökonomischen entwicklung, der versorgungslage der bevökerung usw. geliefert habe. deren ergebnisse paßten aber leider nicht so ins neocon-weltbild und deshalb wurden sie höchst unwillig zur kenntnis genommen ...
Kommentiert von: ivan grosny | Dienstag, 28. November 2006 um 12:44 Uhr
@ paul
mit der realität und der wahrheit ist so eine sache. deshalb hier ein weiteres erschütterndes beispiel für die dreisten hetz-lügen der MSM. in der heutigen on-line ausgabe der BBC World News findest Du eine meldung zum treffen bush / maliki in amman, in der folgendes behauptet wird:
"Meanwhile, the New York Times newspaper has published details of a memo in which Mr Bush's national security adviser, Stephen Hadley, raises doubts about Mr Maliki's ability to control sectarian violence.
According to the Times, the 8 November memo to top US officials recommends that the White House take extra steps to strengthen Mr Maliki's hand.
"His [Mr Maliki's] intentions seem good when he talks to the Americans, and sensitive reporting suggests he is trying to stand up to the Shia hierarchy and force positive change", the memo says.
"But the reality on the streets of Baghdad suggests Maliki is either ignorant of what is going on, misrepresenting his intentions or that his capabilities are not yet sufficient to turn his good intentions into actions." "
ob Bush das memo verstanden hat?
ivan grosny
Kommentiert von: ivan grosny | Mittwoch, 29. November 2006 um 17:42 Uhr
@Ivan:
Jeder der nicht mit Dir uebereinstimmt ist intellektuell nicht ueberzeugend?
Was moechtest Du eigentlich mit Deinen Postings ausdruecken? Dass Du ein Intellektueller Kritiker des bescheuerten Bush und seines Wahnsinnsfeldzuges bist habe ich schon mitbekommen und freue Dich Du bist nicht der einzige. Doch wie ist das mit den Fakten und der Wahrnehmung? Kritisch zu sein bedeutet auch Kritik gegenueber den Quellen zu ueben, die eher die eigene Meinung reflektieren. Dein BBC Bericht ist doch das typische Beispiel fuer bad news is good news und der al-Jazeera Artikel handelt nur auf den ersten Blick ueber das unendliche Chaos im Irak. Bei genauerem Hinsehen macht er gruendlich Schluss mit der Maer von der Einheitsvolksfront gegen die "Besatzer" und unterstreicht das stabilisierende Moment der amerikanischen Praesenz. Zu Deinen Thesen: Afghanistans Regierung hat nie das ganze Land unter Kontrolle gehabt seit dem Sturz der Taliban, von daher hinkt der Vergleich mit Irak. Solange amerikanische Truppen im Irak sind, wird garantiert kein Nachbarstaat offiziell mit eigenen Truppen eingreifen. Das hat sich nicht mal Rotchina im Koreakrieg getraut. Ein iranischer Soldat im Irak, der auf GI's zielt und schon liegen die Urananreicherungsanlagen in Schutt und Asche. Das wissen die Ayathollas genau! Natuerlich ist die Bereitschaft der USA Ressourcen einzusetzen begrenzt, was fuer eine Erkenntnis! Gott sei Dank ist sie nicht so begrenzt wie die Bereitschaft der Deutschen zur Buendnistreue. Schroeder hat immerhin ja gesagt zu Afghanistan...
Und zum Schluss: Hast Du das Memo verstanden? Die irakische Regierung sollte lieber nicht versuchen, sich bei Troublemakers wie Al-Sadr einzuschleimen sondern ihr Gewaltmonopol durchsetzen. Und wenn sie das noch nicht kann, dann sollte sie das US-Militaer dabei 100%ig unterstuetzen.
Kommentiert von: Commander | Donnerstag, 30. November 2006 um 02:15 Uhr