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Mittwoch, 31. Mai 2006

Massakervorwürfe gegen US-Soldaten: "Schlimmer als Abu Ghureib"

SPIEGEL online

Nach einem Attentat auf amerikanische Truppen, bei dem ein US-Soldat getötet wurde, sollen amerikanische Marineinfanteristen in mehrere Häuser in dem Ort am Euphrat eingedrungen und wahllos auf jeden geschossen haben, der ihnen in den Weg kam.

Während die Umstände der Vorgänge in Haditha noch ungeklärt sind, weil die Ermittlungen derzeit noch laufen, steht bei einem weiteren Vorfall inzwischen zweifelsfrei fest, daß es sich um ein Massaker der US-Streitkräfte handelt. Amerikanische Soldaten eröffneten dort grundlos das Feuer auf eine Gruppe unbewaffneter Zivilisten und töteten dabei bis zu einem Dutzend Menschen, darunter mindestens ein, möglicherweise aber sogar 6 Kinder. Die Verantwortlichen versuchten den Fall hinterher zu vertuschen.

Daraus ergeben sich mehrere Dinge. Hier handelt es sich um ein auch nicht durch Streß und Angst zu entschuldigendes grausames Verbrechen. Wer wehrlose Kinder ermordet, steht auf einer Stufe mit Sarkawis Terroristen und Saddams Schlächtern. Diejenigen Zeitgenossen, die kein Problem mit der Todesstrafe haben, hätten hier eine gute Gelegenheit, nach dem elektrischen Stuhl zu rufen. Diejenigen, die das nicht tun, sollten wenigstens wünschen, daß die Schuldigen den Rest ihres Lebens mit dem Stigma "Kindermörder" im Knast verrotten. Außerdem sollte man in solchen Fällen die Verantwortlichen am besten auch noch wegen Hochverrats anklagen, weil sie nicht nur den Opfern selbst, sondern auch den außenpolitischen Interessen der Vereinigten Staaten schweren Schaden zugefügt und dadurch indirekt die Sicherheit amerikanischer Staatsbürger gefährdet haben.

Was sich allerdings nicht daraus ergibt, ist, daß wegen der Untaten einzelner deswegen auch gleich der gesamte Krieg zur Befreiung eines Landes ein Fehler gewesen ist. Dies nur, um den unbedarften SPIEGEL-Leser vor irgendwelchen falschen Schlußfolgerungen und dem damit verbundenen Versinken im revisionistischen Treibsand zu bewahren.

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Folgende Weblogs beziehen sich auf Massakervorwürfe gegen US-Soldaten: "Schlimmer als Abu Ghureib":

Kommentare

@ paul

das problem mit dieser thematik ist regelmäßig die asymmetrische Informationslage und notwendigkeit, strikt zwischen schlußfolgerung, vermutung, tatsachenbehauptung und beleg (zeugenaussage, beweismittel) zu unterscheiden.

wenn ich Dich richtig verstanden habe, führst Du hier zwei voneinander unabhängige vorfälle an, nämlich Haditha und einen weiteren, den Du nicht benennst und für den Du keine quellen anbietest. Du triffst über Haditha keine endgültige bewertung, aber bezeichnest den anderen als ein massaker an der irakischen zivilbevölkerung ausgeführt außerhalb einer kampfsituation an unbewaffneten zivilisten - mit anderen worten: ein kriegsverbrechen.

auch im falle von Haditha spricht nach den vorliegenden informationen einiges dafür, das vorgehen der US-marines so zu bewerten. allerdings zitiert auch der SPIEGEL aus zweiter hand ( = aussagen von personen, die zugang zu berichten / ermittlungsergebnissen hatten) und augenzugenberichte, wobei die glaubwürdigkeit aufgrund der vorliegenden informationen schwer einzuschätzen ist.

für die weitere argumentation werde ich deshalb ANNEHMEN, dass die berichte / zeugenaussagen zutreffend sind, also die marines in Haditha unbewaffnete erschossen haben, ohne selbst bedroht/angegriffen worden zu sein.

nun argumentierst Du sozusagen prophylaktisch, daraus ließe sich keinerlei bewertung über die rechtmäßigkeit / richtigkeit der kriegsführung bzw. der invasion/besetzung des Irak ableiten.

hmmm. da bin ich anderer ansicht. sicherlich ändert auch ein noch so brutales massaker dieser größenordnung (ca. 20-30 tote/ermordete) nicht den charakter des ganzen feldzuges. dies wäre nur dann gegeben wenn,

1. die militärische /politische führung solche kriegsverbrechen anordnet bzw. sie gezielt als teil ihrer kriegsführungsstrategie nutzt

2. solche kriegsverbrechen regelmäßig stillschweigend duldet bzw. sie sogar aktiv vertuscht. also die schuldigen nicht anklagt / bestraft, sondern ihnen hilft, sich der eigenen offiziellen rechtsordnung zu entziehen.

3. im rahmen einer counterinsurgency-strategie eine erklärte oder stillschweigende arbeitsteilung zwischen korrekt (im rahmen des kriegsvölkerrechts) kämpfenden eigen streitkräften und terror ausübenden einheimischen truppen betreibt bzw. akzeptiert.

sollte eines dieser drei verhaltensmuster für die us-amerikanischen streitkräfte im Irak zutreffen, müßte man von einer völkerechtswidrigen, ja verbrecherischen kriegsführung sprechen.

leider mehren sich die anzeichen dafür, dass die kämpfende truppe unter dem enormen stress einer irregulären kriegsführung seitens der sunnitischen aufständischen zunehmend die maßstäbe für erlaubte und strikt verbotene kampfformen verliert.

dabei ist es einfach den soldaten unter feuer, die unter dem druck einer permanenten bedrohung ausrasten und eine solche regelverletzung begehen, die schuld zu geben.

eine mitverantwortung trägt nach meiner auffassung immer auch die politische und militärische führung, wenn sie streitkräfte in einen kampf schickt, obwohl diese auf diese art der kriegsführung in keiner weise vorbereitet sind und vielfach den konflikt, in dem sie agieren, nur sehr rudimentär verstehen.

wenn bush & rummy ernsthaft geglaubt haben, diesen krieg ohne häuserkampf und counterinsugency führen zu können, gehören sie schon dafür abgesetzt.

ivan grosny

P.S. im gegensatz zu vietnam ("search and destroy" / "fire free zones" / "operation phoenix") sehe ich die variante 1 im Irak als nicht gegeben an, wenn man von den luftangriffen auf wohngebiete absieht. deshalb finde ich auch den vergleich mit My Lai nicht zutreffend.
aber wehret den anfängen!

P.P.S. was macht eigentlich dubya, wenn die - bei allen vorbehalten demokratisch gewählte - irakische regierung maliki als reaktion auf Haditha (und?) den sofortigen abzug der ausländischen streitkräfte aus dem Irak fordert?

list Du hier:
http://english.aljazeera.net/NR/exeres/7BB6FE30-7707-4024-B080-9FD1921911DB.htm

@Paul13
Hättest du bitte mal nähere Angaben zu diesem "weiteren Vorfall"?

so geht es nicht weiter

www.vaterlandslose-gesellen.de

@ Ivan Grosny

"wenn ich Dich richtig verstanden habe, führst Du hier zwei voneinander unabhängige vorfälle an, nämlich Haditha und einen weiteren, den Du nicht benennst und für den Du keine quellen anbietest."

Muß ich wohl vergessen haben. Ist hiermit "nachgeholt": http://napauleon.typepad.com/nobloodforsauerkraut/2006/06/von_canicatti_n.html

"Du triffst über Haditha keine endgültige bewertung, aber bezeichnest den anderen als ein massaker an der irakischen zivilbevölkerung ausgeführt außerhalb einer kampfsituation an unbewaffneten zivilisten - mit anderen worten: ein kriegsverbrechen"

Ich verurteile bei derart schweren Beschuldigungen nur ungern Leute im Voraus. Ich ging zwar persönlich von Anfang an davon aus, daß das durchaus möglich ist, aber spätestens seit Jenin weiß ich, daß man den USraelischen Henkersknechten erfahrungsgemäß all das zutraut, was man bei ihren islamofaschistischen Feinden gerne verdrängt.

"[...] für die weitere argumentation werde ich deshalb ANNEHMEN, dass die berichte / zeugenaussagen zutreffend sind, also die marines in Haditha unbewaffnete erschossen haben, ohne selbst bedroht/angegriffen worden zu sein."

Du wirst staunen das nehme ich auch an. Und inzwischen ist offenbar ein Untersuchungsbericht des US-Militärs raus, der das bestätigt (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,419064,00.html).

"nun argumentierst Du sozusagen prophylaktisch, daraus ließe sich keinerlei bewertung über die rechtmäßigkeit / richtigkeit der kriegsführung bzw. der invasion/besetzung des Irak ableiten.

hmmm. da bin ich anderer ansicht."

Ich denke, mein heute geposteter Artikel zum Thema ist da Antwort genug. ;-) Denn nach Deiner Argumentation hätten die USA spätestens in dem Moment aus dem Krieg ausscheiden müssen, als Patton seine martialischen Reden gehalten hat.

Ich sehe es hingegen lieber so: Demokratie bedeutet nicht, keine Fehler zu machen. Aber der Unterschied ist, daß Demokratien trotz dieser Fehler existieren, Diktaturen aber wegen ihnen. Und damit ist sowohl der Krieg gegen Nazideutschland gerechtfertigt wie auch der gegen das Ba'ath-Regime.

"[...] dabei ist es einfach den soldaten unter feuer, die unter dem druck einer permanenten bedrohung ausrasten und eine solche regelverletzung begehen, die schuld zu geben."

Bei allem Verständnis für derartige existentielle Streßsituationen, aber wer einem verängstigten kleinen Kind in die Augen sehen und es dann kaltblütig ermorden kann, hat in dieser Welt nichts verloren.

"eine mitverantwortung trägt nach meiner auffassung immer auch die politische und militärische führung, wenn sie streitkräfte in einen kampf schickt, obwohl diese auf diese art der kriegsführung in keiner weise vorbereitet sind und vielfach den konflikt, in dem sie agieren, nur sehr rudimentär verstehen."

Das hat mit der Art des Konflikts nichts zu tun, wie wir an dem Beispiel aus Canicatti sehen. Im übrigen kann ich mir nicht vorstellen, wie eine politische Führung die Soldaten so gut auf einen irregulären Krieg vorbereiten kann, daß so etwas mit absoluter Sicherheit auszuschließen ist.

"[...] P.S. im gegensatz zu vietnam ("search and destroy" / "fire free zones" / "operation phoenix") sehe ich die variante 1 im Irak als nicht gegeben an, wenn man von den luftangriffen auf wohngebiete absieht. deshalb finde ich auch den vergleich mit My Lai nicht zutreffend.
aber wehret den anfängen!"

Da würde ich Dir sogar widersprechen, auch auf die Gefahr hin, daß Du mich dann antiamerikanischer Propaganda zeihst. ;-) Das hat, selbst wenn die Opferzahl geringer ist, in meinen Augen durchaus die Qualität von My Lai.

Aber ich darf das auch sagen, weil ich nämlich die Befreiung des Irak unterstützt habe und anders als so manch andere immer noch unterstütze. Diejenigen, die zu den hunderten, wenn nicht tausenden Hadithas, in denen Saddam Hussein unschuldige Iraker abschlachten ließ, geschwiegen haben, und ihn lieber noch an der Macht sehen würden, haben dazu hingegegen kein Recht.

The Haditha incident, in which US Marines are alleged to have killed between 14 and 24 civilians in cold blood, is becoming the My Lai of the Iraq War. Officers have been relieved of command, and murder charges may be brought. Somehow, though, this time the American public doesn't seem very interested in the story. My guess, is that many still have payback for 9/11 in their minds. The Vietnamese had never done anything to us. Of course, the Iraqis hadn't done much to us, either, aside from fighting back when the United Nations pushed them (quite rightly) out of Kuwait. But Dick Cheney has by innuendo and half-lies managed to convince the American public that in fighting the Iraqis, we are fighting the people behind 9/11, or at least people very like that.

Juan Cole (www.juancole.com)

Das kommt zufaellig gleich nach dem anderen Auszug. Viel Spass allen warmongers:

In 2003, Iran offered to come in from the cold in a proposal to George W. Bush. Recognition of Israel within 1967 borders, pressure on Hizbullah and the Palestinians to moderate, signing the additional protocols of the nuclear Non-Proliferation Treaty, full cooperation with the International Atomic Energy Agency, it was all there for Bush's taking.

What did Bush do?

He reprimanded the Swiss embassy, which takes care of US affairs in Iran, for daring to forward this proposal to Crawford on the Potomac.

Why?

Why?

Washington Post 28. Mai 2006: Iraq is the Republic of Fear

Es sieht noch viel deprimierender aus, als ihr glaubt.

Every morning the streets of Baghdad are littered with dozens of bodies, bruised, torn, mutilated, executed only because they are Sunni or because they are Shiite. Power drills are an especially popular torture device.

Under the reign of Saddam Hussein, dissidents called Iraq "the republic of fear" and hoped it would end when Hussein was toppled. But the war, it turns out, has spread the fear democratically. Now the terror is not merely from the regime, or from U.S. troops, but from everybody, everywhere.

Today, the Americans are just one more militia lost in the anarchy. They, too, are killing Iraqis. ...

@Paul
Ich mag den Teil, wo nach Quellen gefragt wird! Da fragt wieder mal der Richtige :-) Köstlich!

@ paul

korektur:

ich fürchte, meine bisherige einschätzung zu Haditha werde ich wohl ändern müssen. neue presseberichte sprechen dafür, dass zumindestens der fall 2:

"solche kriegsverbrechen regelmäßig stillschweigend duldet bzw. sie sogar aktiv vertuscht. also die schuldigen nicht anklagt / bestraft, sondern ihnen hilft, sich der eigenen offiziellen rechtsordnung zu entziehen."

gegeben ist. liest Du hier:

http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/5039714.stm

angesichts der tatsache, dass zunehmend schiitische vertreter einen weitere statonierung amerikanischer truppen in frage stellen, sieht alles nach einem heißen herbst im Irak aus.

ivan grosny

@ ivan grosny

Heißt das, weil Patton mitgeholfen hat, die Kriegsverbrechen auf Sizilien zu vertuschen, hätten die USA nicht das Recht gehabt, gegen die Achsenmächte Krieg zu führen? Und Du glaubst wirklich, ein faschistisches Italien wäre ohne US-Besatzer besser dran gewesen?

@ paul

nein.

das heißt, dass die militärische führung der us-streitkräfte im Irak offensichtlich die kontrolle über teile der kämpfenden truppe verloren hat, oder dass es ihr egal ist, wenn diese gegen geltendes kriegsvölkerrecht verstoßen.

ich weiß nicht, welche annahme für die zukunft übler ist.

ivan grosny

@ ivan grosny

Nein? Also war Deine These falsch, in der Du genau das kurz vorher noch behauptet hast? Zumindest heißt es jetzt nur noch, daß die militärische Führung der US-Streitkräfte auf dem europäischen Kriegsschauplatz offensichtlich die Kontrolle über Teile der kämpfenden Truppe verloren hatte, oder daß es ihr egal war, wenn diese gegen geltendes Kriegsvölkerrecht verstoßen hat.

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